• vom 28.06.2013, 20:30 Uhr

Bücher aktuell

Update: 02.09.2013, 12:00 Uhr

Literatur

Roth, Patrick: Die amerikanische Fahrt




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Uwe Schütte

  • Transzendente Wahrheit
  • Der deutsche Autor Patrick Roth präsentiert sich in seinem neuen Buch als Filmbesessener.

Patrick Roth.

Patrick Roth.© Wikimedia Patrick Roth.© Wikimedia

Wer viel liest, weiß, wie schwer es ist, in der Gegenwartsliteratur noch Entdeckungen zu machen: Texte zu finden, die berühren. Bücher, die einen daran erinnern, warum man überhaupt eine Passion fürs Lesen entwickelt hat. Geschichten, bei deren Lektüre einem der Atem stockt, weil man übermannt wird von der Magie des Erzählens. In anderen Worten: An die Stelle einer unterhaltenden Lektüre tritt die Erfahrung, dass man eben etwas gelesen hat, das einen verändert, ergreift, irritiert, vielleicht sogar verstört, auf jeden Fall aber anders zurück lässt, als man zuvor war.

Information

Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 296 Seiten, 20,50 Euro.

Michaela Kopp-Marx: Seelen-Dialoge. Ein Commentary Track zu Patrick Roths Christus-Trilogie. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2012, 384 Seiten, 39,80 Euro.


Die Bücher von Patrick Roth sind derartige Wunderwerke, die gleich Perlen im Heuhaufen der alljährlichen Bücherflut verborgen liegen. Sie sind Schätze, die es beschämenderweise für viele, allzu viele Leser noch zu entdecken gilt, obwohl der 1953 geborene Autor, der lange Zeit in Los Angeles gelebt hat, immer schon bei den allerbesten Verlagen veröffentlich hat. Im Literaturbetrieb aber bleibt Roth unpopulär, weil viele seine Bücher ein Material verarbeiten, das so untrendig ist, wie es nur geht: die Bibel. Letztes Jahr etwa erschien mit "Sunrise" ein Werk, das nicht weniger als Roths Opus magnum darstellt: ein Jospeh-Roman, in dem er die Geschichte des in der Bibel weitgehend ignorierten Vaters von Jesus erzählt.

Sein literarisches Debüt hatte Roth zu Beginn der neunziger Jahre mit der sogenannten Christustrilogie gemacht - drei Bücher, die Krimi, Parabel, Western oder Innerer Monolog waren, und dabei Bibelstoffe mit C.G. Jung’scher Tiefenpsychologie verknüpften. Michaela Kopp-Marx hat zu diesen drei kurzen, dafür aber umso dichteren Erzähltexten nun "Seelen-Dialoge", einen aufschlussreichen Lektüreschlüssel vorgelegt, der die oftmals unglaubliche motivische Dichte und Bedeutungstiefe der Prosa erkennbar macht und als eine lektürebegleitende Kommentarspur unverzichtbar zur Trilogie gehört.

Patrick Roth ist zwar ein passionierter Leser, seine eigentliche Liebe aber gehört dem Film. Nachzulesen ist das in seinem neuen Buch, "Die amerikanische Fahrt", das den entsprechenden Untertitel "Stories eines Filmbesessenen" trägt. Darin versammelt sind unterschiedliche Texte: Reden, Interviews, Prosa, Essays und manch anderes, wobei man bei der Lektüre zusehends feststellt, dass sich nicht nur die Grenzen zwischen den Textsorten auflösen, sondern mehr noch jene zwischen Dokument und Fiktion. Roths Interview mit John Ford etwa ist frei erfunden. In seinen Heidelberger Poetikvorlesungen wiederum berichtet er von Begegnungen, etwa jener mit Kelly, die früh von ihrem Vater verlassen wurde, ihn dann aber auf wundersame Weise wiederfand.

Die poetische Wucht, mit der Roth von existenziellen Erfahrungen erzählt, erübrigt die eitle Frage nach faktischer Wahrheit, denn was hier vermittelt wird, ist eine transzendente Wahrheit, die ungleich bedeutsamer ist. In literarischen Verwirrspielen, die gleich einem "dissolve" im Film das Eine ins Andere überblenden, erzählt Roth davon, wie das Wundersame ins Alltägliche einbrechen kann. Besonders verzwickt und damit produktiv wird diese augenöffnende Strategie zumal dann, wenn er seine Geschichten mit Fotos belegt, so wie die Begegnung mit dem Gespenst des Stummfilmregisseurs D. W. Griffith in einem Restaurant in Hollywood.

"Die amerikanische Fahrt" ist nicht nur eine wahre literarische Fundgrube für jeden, der zu lesen versteht; der außergewöhnliche Band repräsentiert vor allem eine Streitschrift für eine andere, erweiterte Sicht auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Mehr kann man von Literatur nicht erwarten.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-06-27 21:53:04
Letzte Änderung am 2013-09-02 12:00:52


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kurz ist gut
  2. Schimpfreden des Menschenfreunds Alois Brandstetter
  3. Klare Sicht über die Grenzen
Meistkommentiert
  1. Lieber ein Gutmensch als ein "Schlechtmensch"

Werbung




Werbung