• vom 20.01.2014, 16:20 Uhr

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Der ungeschminkte Putin




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Von Christian Ortner

  • Ein gut informierter Analytiker legt eine recht indiskrete Biografie des Herrn im Kreml vor

Wladimir Putin ist eifrig im Werbeeinsatz für sein Prestige projekt Sotschi.

Wladimir Putin ist eifrig im Werbeeinsatz für sein Prestige projekt Sotschi.© apa/epa/A. Nikolsky/Ria Novosti/Kremlin Pool Wladimir Putin ist eifrig im Werbeeinsatz für sein Prestige projekt Sotschi.© apa/epa/A. Nikolsky/Ria Novosti/Kremlin Pool

Nur mit einem Bademantel bekleidet, verließ der Hausherr panikartig seine prächtige, aber leider gerade bis auf die Grundmauern abbrennende Datscha am Stadtrand von Sankt Petersburg. Retten konnte der Mann außer seinem Leben bloß einen simplen Koffer, doch der hatte es übereinstimmenden Augenzeugenberichten zufolge im wahrsten Sinne des Wortes in sich: 15 Millionen Dollar in bar.

1996 dürfte das für Wladimir Putin, damals noch junger Mitarbeiter des Sankt Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtschak, ein nennenswerter Betrag gewesen sein. Heute sind 15 Millionen Dollar für den russischen Staatschef wohl eher Portokasse. Sein privates Vermögen, schätzt der russische Autor Stanislaw Belkowski in seiner soeben erschienen Putin-Biografie "Wladimir - Die ganze Wahrheit über Putin", dürfte sich derzeit auf zwischen 40 und 60 Milliarden Dollar belaufen, womit er einer der reichsten Männer Europas wäre.


Traurige Kindheit
Belkowski, einer der bekanntesten politischen Autoren und Analytiker Russlands, beschreibt Putin als trotz seines Reichtums traurigen Helden, den das Leben mehr vor sich hertreibt, als dass er seiner froh werden könnte; ein einsamer Mann, der seinem Land mehr schadet als nutzt und besser heute als morgen den Ruhestand antreten sollte: "Präsident und Regierung sind ein Spielzeug in den Händen von (...) korrupten Geschäftemachern, von denen sie angemietet werden wie Prostituierte."

Schon die offizielle Version, dass Putin am 7. Oktober 1952 im heutigen Sankt Petersburg in die Familie eines Arbeiters geboren wurde, bezweifelt Belkowski. Putin sei vielmehr zwei Jahre früher in der Gegend von Perm auf die Welt gekommen, Vater Säufer und Mutter lieblos. Weil der neue Mann von Mutter Putin das Kind nicht gemocht habe, sei dieses schließlich bei einem Verwandten der Mutter im fernen Leningrad aufgewachsen. Darob "wurde aus dem kleinen Wladimir Putin, der praktisch ohne Vater und ohne die Liebe und Pflege seiner Eltern aufwuchs, ein verschlossenes und grimmiges Kind" (Belkowski).

Sein Leben lang sei er deswegen auf der Suche nach einem Vater gewesen, behauptet der Autor, und habe gleich zwei gefunden. Zuerst den liberalen Bürgermeister Anatoli Sobtschak und schließlich den ersten frei gewählten Präsidenten Russlands Boris Jelzin.

Diese Kindheitstraumata hält Belkowski auch für die Ursache jener manchmal geradezu grotesk erscheinenden Tierliebe Putins, der sich gerne mit seinen beiden Hunden Baffy und Conny fotografieren lässt und sogar einmal einen Flug mit einer Gruppe von Schneekranichen unternahm. Putin, diagnostiziert Belkowski, lebe mit dem Gefühl, Tiere seien den Menschen moralisch überlegen. Als PR-Strategie hingegen beschreibt er die dem Präsidenten regelmäßig zugeschriebenen Affären mit jungen und hübschen Frauen, also etwa der Sportlerin Alina Kabajewa oder der Opernsängerin Anna Netrebko. Das komme im Macho-verliebten Russland gut an, habe aber mit den Fakten nichts zu tun. Vielmehr wäre Putin "Sex und ein Sexualleben fremd", und wenn, dann eher nicht so sehr mit Frauen - Putin sei nämlich latent homosexuell. Vor allem ist der russische Präsident, so Belkowski, "(...) einsam. Nur wer das ganze Ausmaß dieser Einsamkeit nicht kennt, kann diesen Mann beneiden, der zwischen den Attributen der gewaltigen, doch im Grunde nutzlosen russischen Macht verloren gegangen ist."

Chronische Erkrankungen
Nicht psychisch, auch physisch sei Putin angeschlagen, berichtet der Autor. Ein schmerzhaftes Wirbelsäulenleiden mache dem Präsidenten regelmäßig zu schaffen, und Gerüchte bei Hofe tuscheln gar von einem kleinen Gehirnschlag, den der Zar erlitten haben soll, und von reichlich Botox zur Glättung des Gesichtes.

Wobei nie ganz sicher sei, ob ein öffentlich auftretender Putin auch wirklich Putin sei. "Wenn sie ausreichend Wodka getrunken haben, erzählen die Mitarbeiter von Putins Sicherheitsdienst, Putin nütze ein System von Doppelgängern. Damit könne er seine chronischen Erkrankungen und seine gesundheitlichen Probleme verbergen."

Sachbuch

Wladimir - Die ganze Wahrheit über Putin

Stanislaw Belkowski

Redline Verlag, 365 Seiten,

19,99 Euro




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Dokument erstellt am 2014-01-20 16:23:08



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