• vom 16.03.2014, 11:00 Uhr

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Update: 17.03.2014, 11:55 Uhr

Literatur

Chirbes, Rafael: Am Ufer




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Von Oliver vom Hove

  • Europäische Tiefenangst
  • Der spanische Schriftsteller Rafael Chirbes erzählt von den Folgen der Immobilienkrise nicht nur in seinem Heimatland - ein niederschmetternder gesellschaftlicher Befund, eine luzide Zeitanalyse.

Geißelt das verkommene Diesseits: Rafael Chirbes.

Geißelt das verkommene Diesseits: Rafael Chirbes.©Volker Hinz Geißelt das verkommene Diesseits: Rafael Chirbes.©Volker Hinz

Was Höhenangst ist, weiß man. Was dagegen Tiefenangst genannt werden könnte, lernen Millionen Europäer mittlerweile ausgiebig kennen: die Sorge um den Arbeitsplatz, um gesellschaftlichen Abstieg, um unaufhaltsame Verarmung. Nicht nur die Arbeiterschaft treiben die Ängste vor Arbeitslosigkeit, Wohlstandsschwund, Zuwanderung und Lohnkampf um. Von denselben Ängsten sind längst auch weite Teile des Mittelstands erfasst.

Das Leben in großen Gebieten Europas ist aus den Fugen geraten. Wo sich die Kluft zwischen Reich und Arm ständig vergrößert, fallen zwangsläufig immer mehr Menschen in den sozialen Abgrund.


Es mag nicht zu den attraktivsten Aufgaben zählen, vom Scheitern einer Tischlerexistenz im Gefolge des Niedergangs des spanischen Immobilienmarkts zu erzählen. Doch der Autor schlägt sich trotz seinem sperrigen Thema bravourös, indem er die Betroffenen selber zu Wort kommen lässt: Den Großteil seines Romans nimmt der innere Monolog seines Protagonisten Esteban ein. Im übrigen kommt auch dessen Umgebung ausgiebig zu Wort: die einstige Freundin Leonor, der altersdemente Vater, dessen kolumbianische Pflegerin Liliana, Wirtshausfreunde, ehemalige Angestellte und Arbeitskollegen.

Expansive Gier
Denn Esteban hat jahrzehntelang eine Tischlerwerkstatt geführt und in den Hoch-Zeiten expansiver Gier im Trubel der Finanzkrise durch Spekulation alles verloren. Leichtsinn vermählte sich da mit Leichtgläubigkeit, die Profiteure rieben sich die Hände und machten sich rechtzeitig aus dem Staub. Für den 70-jährigen Esteban steht am Ende der Bankrott, und er überschattet im Rückblick sein ganzes Leben: "Die Firma gibt es nicht mehr. Es gibt kein Oben oder Unten, das noch etwas gälte, zumindest nicht für mich. Die Pfändung, sie hat uns wie eine Maurerkelle wieder gleich gemacht, glatt gestrichen, alle auf dem gleichen Niveau: Zu Boden!, wie der Putschist Tejero den Parlamentariern zurief, wir liegen platt auf dem Boden, was uns hochhelfen könnte, ist längst Vergangenheit und wird bald nichts mehr sein."

Wie schon in früheren Erzählwerken, etwa im Roman "Krematorium" (2006), entwickelt der 1949 geborene Spanier Rafael Chirbes in dieser fulminanten Abrechnung mit scharfen Strichen und gnadenloser Härte ein düsteres Zeitgemälde des in der Krise niederbrechenden sozialen Zusammenhalts. Die besondere Gespaltenheit der Gesellschaft auf der Iberischen Halbinsel rührt indes von ihrer gewaltsamen Sprengung im Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 her. Die Gräben wurden nie in nachhaltiger Aufklärung vermessen und markiert, sondern im Immobilienboom der Zeit nach dem vierzigjährigen Franco-Regime notdürftig und gedankenleer überbrückt. Nach dem unvermittelten Zusammenbruch des verheißenen Wohlstands auf Pump klaffen nun die Krater umso tiefer und abgründiger auf.

Kein Land kann seine Geschichte auf einer 40-jährigen Leerstelle in seiner Vergangenheit aufbauen. Zumal wenn jene, die einst den Rechtsstaat und die republikanische Ordnung verteidigten, die ganze Zeit über entwürdigt, enteignet und teilweise auch gefangen gesetzt worden waren.

So auch Estebans Vater, der im Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner gegen Franco gekämpft und im Gefängnis gesessen hatte. Er ist ob der Schmach und andauernden Schmähung verstört und als Menschenfeind zurückgekehrt. Esteban beklagt sich bitter: "Was die Sieger nach dem Krieg mit ihm gemacht hatten, ließ er an mir aus, dem einzigen Sohn, den er zur Hand hatte. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn je lieben lernte. Ich habe dafür gezahlt, nicht die Erwartungen zu erfüllen, die er in mich gelegt hatte."

In diesem gestörten Generationenverhältnis liegt nicht nur Estebans Verhängnis begründet. Der unterdrückte Sohn wäre gern Künstler geworden. Doch um gegen den väterlichen Willen nach Fortsetzung der familieneigenen Tischlerei zu rebellieren, fehlte ihm die Kraft. So kommt es, dass Esteban voll Selbstverachtung von sich sagt, er sei "ein Schreiner, der es nicht einmal zum Möbeltischler gebracht hat." Zugleich reflektiert er seine mangelnden Ambitionen zwiespältig: "Ich weiß nicht, ob ich es bedauere, nichts Höheres angestrebt zu haben. Hätte ich es, wäre meine Bitterkeit vielleicht noch größer, sie wäre von jener Galle durchtränkt, die meinen Vater sein Leben lang beherrscht und mit der er seine ganze Umgebung vergiftet hat."

Mit dem Jugendfreund Francisco, der von seinem Falange-Vater nach dessen Idol General Franco den Vornamen erhalten hat, verband ihn von jeher eine antagonistische Beziehung: Der Sohn des triumphalen Gewinnlers in Francos Bürgerkrieg wuchs mit sämtlichen Privilegien auf, die Estaban, dem Sohn des republikanischen Verlierers, versagt blieben.

Als Weinkritiker und Restaurantbesitzer hat Francisco eine zeittypische Karriere gemacht, wobei ihm seine Frau Leonor als gefeierte Haubenköchin eine entscheidende Hilfe bot. Die sinnliche Fischerstochter, einst Kellnerin, war Estabans Geliebte gewesen, ehe sie zu dessen mehr versprechendem Freund überlief. In seinen erotischen Fantasien kommt Estaban von ihr, die längst dem Krebstod erlegen ist, nicht los.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-03-13 17:32:05
Letzte Änderung am 2014-03-17 11:55:37


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