• vom 28.03.2014, 14:00 Uhr

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Update: 28.04.2014, 23:07 Uhr

Literatur

Ransmayr, Christoph: Gerede




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Von Uwe Schütte

  • Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr erklärt in einem Materialienband grundlegende Aspekte seines Werks. Ein weiteres Buch präsentiert ihn als engagierten Redner.

Christoph Ransmayr: Am 20. März wurde der gebürtige Oberösterreicher sechzig.

Christoph Ransmayr: Am 20. März wurde der gebürtige Oberösterreicher sechzig.© Foto: APA/Roland Schlager Christoph Ransmayr: Am 20. März wurde der gebürtige Oberösterreicher sechzig.© Foto: APA/Roland Schlager

"Wahrhaftes Erzählen", so Christoph Ransmayr, "führt immer in unbekannte Gebiete. Aber das Reden darüber dreht sich schnell im Kreis. Man wiederholt und zitiert sich. Und dann langweilt man sich mit dem eigenen Geschwafel." Ausgesprochen wird diese Warnung in einem Interview, das der Autor auf knapp 100 Seiten mit der Literaturkritikerin Insa Wilke führte. Doch von Redundanz und Geschwafel kann bei dem Gespräch keineswegs die Rede sein - Wilke stellt intelligente Fragen und Ransmayr gibt aufschlussreiche Antworten.

Information

Christoph Ransmayr: Gerede. Elf Ansprachen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014, 101 Seiten, 12,40 Euro

Bericht am Feuer. Gespräche, E-Mails und Telefonate zum Werk von Christoph Ransmayr. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014, 320 Seiten, 19,60 Euro


Vom üblichen chronologischen Abhaken eines Romans nach dem anderen, wie man es aus konventionellen Materialienbänden kennt, ist der Materialienband "Bericht am Feuer" erfreulich weit entfernt. Stattdessen klärt und erklärt Ransmayr grundlegende Aspekte seines Werks wie etwa die Rolle des Reisens, die Dimension des Kosmischen oder seine besondere Arbeit an der Sprache.

Wert von Erfahrungen
Auch Biografisches kommt zur Sprache, doch nie im Sinne einer planen Übertragung von Leben in Literatur, sondern unter dem Vorzeichen des Werts von Erfahrungen als unabdingbarer Voraussetzungen fürs Schreiben.

Angereichert wird das Gespräch durch eindrucksvolle Fotografien von Ransmayr, die in einen spannungsreichen Dialog mit dem Gesprochenen treten und durch Zitate aus dem Werk ergänzt werden. "Bericht am Feuer" würdigt durch seine schöne Gestaltung und Ausstattung als Broschurband auf angemessene Weise einen Schriftsteller, der durch die Qualität und Eigenwilligkeit seines Werks weitab steht vom Durchschnitt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ein veritables und gelungenes Geschenk des Verlags zum 60. Geburtstag des Oberösterreichers.

Wohltuend abgewichen vomSchema F wird im Materialienband auch insofern, als Wilke im zweiten Teil des Bandes drei Interviews mit jenen Übersetzern führt, die das Werk von Ransmayr ins Englische, Französische und Italienische übertragen. Denn Übersetzer sind bekanntlich die wohl genauesten Leser eines Buches. Was es im Fall der Bücher von Ransmayr heißt, ein Sprachkunstwerk in eine andere Sprache zu übertragen, das erkundet Wilke auf eine Weise, die auch den Kontext der mühseligen Übersetzungsarbeit berührt und Einblicke in das sonst für gemeinhin nur hinter den Kulissen stattfindende Geschäft der Übersetzer aufschließt.

So gelungen wie sinnvoll ist auch die Entscheidung, sich im dritten Teil ganz auf nur ein Buch zu konzentrieren, nämlich "Morbus Kitahara". An die Stelle der üblichen Parade von aufgepeppten Zeitungsrezensionen aus der Feder von Großkritikern treten in "Bericht am Feuer" intensive Essays von zwei Kulturwissenschaftern, in denen das Buch auf interessante Weise diskutiert wird, um diesem literarischen Meisterwerk eine der qualitativen Vorgabe angemessene kritische Würdigung beizustellen. Besser, das darf hier ruhig wiederholt werden, kann man einen Schriftsteller und sein Werk kaum würdigen.

Parallel zum Materialienband erscheint die nächste Lieferung der weißen Reihe über Ransmayrs "Spielformen des Erzählens". Dieser zehnte Band ver-sammelt unter dem schönen Titel "Gerede" knapp ein Dutzend Ansprachen und Reden, die der Autor in verschiedenen Kontexten gehalten hat.

Kämpferischer Gestus
Preisreden herrschen natürlich vor - so beispielsweise die literarischen Ehrungen, die im Namen der Dichter Bertolt Brecht und Ernst Toller vergeben werden. Der politischen Ausrichtung dieser Schriftsteller gemäß, die auf den ersten Blick so gar nicht zur Literatur von Ransmayr zu passen scheint, hält er engagierte Ansprachen, die in klarer Sprache und mit kämpferischem Gestus die Obszönitäten und Skandale unserer sozialen Wirklichkeit benennen, freilich ohne jenes besserwisserische Pathos, das Intellektuelle wie Robert Menasse oder Günter Grass sich zu eigen gemacht haben.

Wer diese Reden zu Kenntnis nimmt, wird vielleicht auch die Romane Ransmayrs mit anderen Augen lesen. Das trifft auch für jene Ansprachen zu, in denen er sich zu biografischen Faktoren oder der Entstehung seines Werkes äußert. So berichtet er etwa über die Hintergründe einer Reportage über das Leben eines Schlachtschweins oder beschreibt seine irischen Erfahrungen samt der Bedeutung der Heimkehr des gleichsam verlorenen Sohns nach Wien.

Beide Bücher also gehören in die Bibliothek jedes Ransmayr-Lesers. Was wir jedoch freilich sehnlicher noch erwarten ist sein nächstes Erzählwerk.

  • Hinweis der Redaktion: Christoph Ransmayr wird für sein Gesamtwerk mit dem Donauland Sachbuchpreis ausgezeichnet. Bisherige Preisträger und Preisträgerinnen waren u.a. Konrad Lorenz, Viktor Frankl, Gertrud Fussenegger, Claudio Magris, Hilde Spiel, Bruno Kreisky, Erich Hackl, Karl-Markus Gauß, Ruth Klüger und Robert Menasse. Der Preis wird seit 1975 verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert. Christoph Ransmayr wird den Preis am 26. Mai 2014 im Jüdischen Museum in Wien entgegennehmen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-03-27 22:41:11
Letzte Änderung am 2014-04-28 23:07:02


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