• vom 26.05.2014, 17:14 Uhr

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Update: 26.05.2014, 17:17 Uhr

Zeitgeschichte

Bronja, Rosl und Liesl




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Von Rainer Mayerhofer

  • Ein Jahrhundert - erzählt am  Beispiel von drei Frauenleben.

Um das Jahr 1890 kommt die zwanzigjährige Gastwirtstochter Bronja Dunkelblau mit ihrer minderjährigen Halbschwester Klara von Przemysl nach Wien, wird  in der Leopoldstadt von einer assimilierten jüdischen Familie  aufgenommen und tritt einen Hausmeisterposten an. Ihrer Verbindung mit einem katholisch-ukrainischen Hilfsarbeiter entstammt die 1903 geborene Tochter Rosa.

Die elfjährige Rosa wird 1914 von Hermann Leopoldi entdeckt, debütiert in Franz Lehars Operette  "Der Rastelbinder" im Carltheater und wird in den Jahren des Ersten Weltkrieges als Kinderstar in der ganzen Monarchie gefeiert.  Unter dem Künstlernamen Rosl Berndt wird sie zum Publikumsliebling der Wiener Kabarett- und Varieteszene mit Auftritten im Ronacher, Simpl und Raimundtheater. Aus der 1921 geschlossenen Ehe mit dem aus Ungarn stammenden Impresario Karl Müller, der kurzfristig auch Chef des Simpl ist, stammt die 1922 geborene Tochter Liesl, die jetzt in ihren Erinnerungen ihre  wechselreiche eigene Geschichte  und die ihrer Mutter und Großmutter schildert.


Nach der gescheiterten Ehe wuchs Liesl zunächst bei der Großmutter in Wien auf, während Rosl Berndt beruflich unterwegs war und eine Beziehung zu einem holländischen Finanzmann einging. Nach dem Unfalltod der Großmutter im Jänner 1928 kamen für das Kind Jahre in Internaten, bis die Mutter 1936 den rumänischen Ölmagnaten Dinu Buhlea heiratete und nach Bukarest übersiedelte, wo sie die Kriegsjahre überstand.

Liesl gelang es 1947 nach England zu emigrieren, wo sie einen britischen Luftwaffenoffizier heiratete, den sie in Bukarest kennengelernt hatte. Sie sollte später eine führende Rolle bei der Organisation von Sprachferien für  Schüler spielen und im hohen Alter noch eine  Karriere als Chansonsängerin starten. Mutter Rosl konnte Rumänien erst 1960 verlassen und ließ sich nach missglückten Comeback-Versuchen in Wien schließlich  in England nieder, wo sie hochbetagt 1996 verstarb.  

Liesl Müller-Johnson erzählt in ihren Erinnerungen vom Leben im jüdischen Grätzel in der Leopoldstadt in den Zwanzigerjahren und von der Glitzerwelt der Bühne, wo ihre Mutter mit den Großen dieser Zeit wie Fritz Grünbaum, Fritz Löhner-Beda, Hermann Leopoldi und Karl Farkas zusammenarbeitete. Monika Mertl hat für die deutsche Ausgabe auch die historischen Hintergründe herausgearbeitet. Am Beispiel des Lebens von drei starken Frauen wird auf diesen Seiten  vor dem historischen Hintergrund anschaulich ein bewegtes Jahrhundert porträtiert.

Sachbuch

Rosl und ihre Tochter

Liesl Müller-Johnson/Monika Mertl

Milena, 253 Seiten, 23,90 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-05-26 15:47:05
Letzte Änderung am 2014-05-26 17:17:06


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