• vom 07.07.2014, 15:59 Uhr

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Von Oliver vom Hove

  • Ulrich Greiners umfassende Studie zum "Schamverlust" in unserer Zeit.

Diese Kehrseite ist hochversichert: Jennifer Lopez.

Diese Kehrseite ist hochversichert: Jennifer Lopez.© Sayre Berman/corbis Diese Kehrseite ist hochversichert: Jennifer Lopez.© Sayre Berman/corbis

Nackte Frauenkörper auf jeder Plakatwand. Attraktive Dessous-Models, die in vielfarbigen Werbespots lasziv die Vorzüge von Reizwäsche demonstrieren. Barbusige Femen-Frauen, die ihren Protest auf die eigenen Brüste malen. Lady Gaga, die nackt singt, auch wenn sie ein Kleid anhat; für 80 Millionen Dollar Jahresgewinn präsentiert dieses "Bad Girl" eine Show, die in Rhythmus und Bewegung fortwährend den Kopuliervorgang imitiert.

Nacktheit als Lockmittel, überall. Selbst Her Royal Highness, die Duchess of Cambridge, blieb von Entblößung in aller Öffentlichkeit nicht verschont: Als ein Windstoß den Blick auf ihr wohlgeformtes Gesäß freigab, titelte eine Tageszeitung: "Kate Middletons Po gehört uns allen".


Die Sängerin Jennifer Lopez ist da weit weniger zimperlich. Ihrem auf 27 Millionen Dollar versicherten Hinterteil widmete sie sogar einen Song. Schließlich verdankt sie dieser ansehnlichen Rückseite einen Gutteil ihrer beachtlichen Musik- und Filmkarriere.

Sind wir von aller Scham verlassen? Ist der Ausfall von Beschämung die Quittung für allzu viel Freizügigkeit? Für eine falsch verstandene Liberalität? "Schamverlust" diagnostiziert Ulrich Greiner, Literaturkritiker und ehemaliger "Zeit"-Feuilletonchef, in seinem neuen Buch, das er mit zahllosen Beispielen aus Literatur und Kunst angereichert hat.

Alle Zeichen stehen dafür, dass sich nicht nur die Grenzen der Scham verschoben haben, sondern diese Grenzen im Bewusstsein vieler Zeitgenossen gar nicht mehr wahrgenommen werden. Wie anders wäre es zu erklären, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Mobiltelefonen die intimsten Einzelheiten lauthals vor aller Ohren ausgebreitet werden? Dass in sogenannten "sozialen Medien" wie dem Internet und Facebook ungehemmt nicht nur das Privateste nach außen gekehrt, sondern auch der unausgegorenste Gedankensenf zu Politik und Ideologien ausgedrückt wird? "Tyrannei der Intimität" nannte das der Soziologe Richard Sennett bereits in den frühen 80er Jahren in seiner weit vorausblickenden Untersuchung über "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens".

Dargelegt wird bei der intimen Plaudersucht in aller Öffentlichkeit kaum mehr als ein grenzenloser Narzissmus, der in der fortwährenden Selbstbespiegelung, wie Ulrich Greiner es ausdrückt, "nie etwas anderes erblicken kann als sein einfältiges Ich". Wo aber keine Reflexion der eigenen Position von außen stattfindet, "gibt es keine Scham". Das Gegenteil, die Doppelung der Ich-Empfindung, nennt der Philosoph Robert Spaemann "innere Differenz": "Dabei tritt der Mensch aus der Zentralstellung heraus, die jedes natürliche Lebewesen im Verhältnis zu seiner Umwelt einnimmt, und sieht sich mit den Augen der anderen als ein Ereignis in der Welt. Moralität ist nur aufgrund dieser Fähigkeit der Selbstobjektivierung und damit der Selbstrelativierung möglich."

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Dokument erstellt am 2014-07-07 16:02:04


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