• vom 04.10.2014, 11:10 Uhr

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Pulkkinen, Riikka: Die Ruhelose




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Von Katharina Wappel

  • Philosophie in Kinderschuhen
  • Riikka Pulkkinen spricht in ihrem Roman "Die Ruhelose" eine Reihe schwergewichtiger Themen an, macht sich deren Bearbeitung dann aber doch etwas zu leicht.

Riikka Pulkkinnen.

Riikka Pulkkinnen.© Soppakanunna/ Wikimedia Commons Riikka Pulkkinnen.© Soppakanunna/ Wikimedia Commons

Die Kunstschönheit, so Hegel, ist der Schönheit der Natur überlegen, weil es sich dabei um die aus dem Geiste geborene Schönheit handelt und weil der Geist und seine Produktionen höher stehen als die Natur und ihre Erscheinungen.

Bei der finnischen Starautorin Riikka Pulkkinen verhält es sich umgekehrt: Die Naturschönheit der Autorin ist hier höher einzustufen als ihr geistiges Werk. Denn auch wenn sie vielleicht genau das Gegenteil erreichen wollte, beweist die hübsche Finnin in ihrem 2006 erschienenen, nun ins Deutsche übersetzten Erstlingsroman "Die Ruhelose", dass sie gerade eines nicht ist: Philosophin. Der Versuch mit der Philosophie und das Scheitern daran - vor allem davon erzählt eben deshalb ihr Buch "Die Ruhelose", wenn auch auf unbeabsichtigte Weise.

Information

Riikka Pulkkinen
Die Ruhelose
Roman. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. List Verlag Berlin 2014, 352 Seiten, 18,50 Euro.


Trotz seiner schweren Themen ist hier ein leichtfüßiger Unterhaltungsroman entstanden, der den Leser zum raschen Umblättern einlädt. Dabei kann man der Autorin den Versuch zum Literarischen (und Philosophischen) gar nicht absprechen. Durch ineinander verstrickte Erzählstränge versucht sie, sich der Einfachheit zu widersetzen. Vier in enger Beziehung zueinander stehende Figuren lässt Pulkkinen abwechselnd erzählen.

Leiden und Depression
Dabei gibt es keine Altersgrenzen, die sechsjährige Anni kommt genauso zu Wort wie der 29-jährige Literatur- und Philosophielehrer Julian oder die 53-jährige Philosophieprofessorin Anja, deren Mann mit schwerem Alzheimer im Pflegeheim lebt und damit seine Frau in Einsamkeit, Hilflosigkeit und Depression zurücklässt. Das Versprechen, Sterbehilfe zu leisten, sollte er sich nicht mehr an sie, seine engste Vertraute, erinnern (was bereits eingetreten ist), lastet auf ihren Schultern.

Daneben leidet Anjas 16-jährige Nichte Marie (die vierte im Bunde) still und leise vor sich hin, verliebt sich Hals über Kopf in ihren Lehrer Julian, ja macht ihre ganze Existenz von ihm abhängig. Selbstverstümmelung, Selbstmord, Sterbehilfe und Ehebruch sind die Themen, um die der Roman kreist, doch der Ton stimmt nicht mit den so schweren Inhalten überein. Freundlich, manchmal gar lustig ist die Erzählweise der Autorin und nimmt so jeglicher Tragik den Wind aus den Segeln. Allzu oft wird der Leser somit unbefriedigt zurückgelassen durch Andeutungen, die ins Leere führen, durch (sehr wohl gute) Ansätze, die nicht weiter gedacht werden - kurz: es fehlt an Tiefe, vielleicht aber auch einfach an Reife (schließlich war die Autorin zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung erst 22).

Man wird das Gefühl nicht los, dass die Autorin vor der Ausführung und der Umsetzung ihrer Ideen Halt macht. Wenn beispielsweise von der Beziehung über Kunst und Leben geredet wird, dann lässt Pulkkinen die 16-jährige Marie kundtun, dass es im realen Leben Verantwortung und Freiheit gebe, und da die Kunst Teil des Lebens sei, auch sie diese beiden Elemente beinhalte. Kunst und Leben, so die 16-jährige im Gespräch mit ihrem Lehrer, seien nicht zu trennen. Dieser, obwohl Philosophiestudent, weiß darauf nur zu sagen, Marie sei zu intelligent, als dass er ihr noch etwas über die Kunst oder das Leben beibringen könne.

Allzu hoher Anspruch
Ein potenzielles philosophisches Sinnieren ist damit untergraben, eine Fortführung und Vertiefung des Gesprächs unmöglich gemacht.

Es ist, als ließe sich die Autorin selbst nicht zu Ende reden, aus Angst, dem Anspruch der Philosophie, die die ehemalige Philosophiestudentin ja so gerne betreiben würde, nicht gerecht zu werden. Das ist schade, denn manch angerissenes Thema in diesem finnischen "Todesartenprojekt" ist durchaus interessant und wäre es wert gewesen, ausführlicher behandelt zu werden.

Vielleicht stimmt es ja, dass sich Riikka Pulkkinen, wie sie selbst gerne betont, lieber Gedanken über Heidegger macht als über Kosmetik. Vielleicht, so ist man (zumindest nach der Lektüre dieses Buchs) fast geneigt zu denken, wäre es aber doch sinnbringender, wenn sie sich Letzterem eher widmen würde.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-02 21:29:04
Letzte nderung am 2014-10-03 13:18:53



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