• vom 05.10.2014, 07:00 Uhr

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Literatur

Spinnen, Burkhard: Zacharias Katz




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Von David Axmann

  • Inspirierende Seeluft



Das ist ein Buch, mit dem sich auch Landleseratten beschäftigen sollten. Erstens ob des entzückenden Grundgedankens. Weil doch heuer, so dachte der Autor wohl, des historisch bedeutsamen Jahres 1914 in zahlreichen (mehr oder minder) wissenschaftlichen Werken gedacht wird, will ich dazu einen literarischen Kontrapunkt setzen. Und zwar einen meeresbrisengleich erfrischenden. Die Romanhandlung wird nämlich, zweitens, vom Ausbruch des (wie wir heute wissen: Ersten) Weltkriegs nur tangiert, spielt sie doch an der Peripherie des martialischen Konflikts, hauptsächlich in der Karibik. Drittens wendet der Autor einen guten alten und immer noch wirksamen Kunstgriff an: er pflanzt der (praktischerweise im Schreibgewerbe tätigen) Hauptfigur des Romans sein eigenes literarisches Talent ein, sodass der Icherzähler autorisiert ist, von der dem Hochseeklima gemäßen stilistischen Brillanz seines Schöpfers üppigen Gebrauch zu machen.

Der Icherzähler heißt Zach Katz. Das heißt, so nennt er sich selbst, seit er in der Journalismusbranche reüssieren will. Eigentlich heißt der Mann Zacharias Katzwinkel Smith. Seine Vorfahren sind aus Deutschland in die USA emigriert und Bauern in Pennsylvania geworden. Den elterlichen Hof zu übernehmen, missfällt Smith jun. Er wird lieber Zeitungsmann in New York; nebenbei betätigt er sich (weil er auch dazu Talent hat) am Broadway als Verbesserer von Musicalsongtexten.

Information

Burkhard Spinnen
Zacharias Katz
Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2014, 341 Seiten, 22,60 Euro.


Wo bleibt 1914? Moment. Um dorthin zu kommen, setzt der Autor einen anderen bewährten Trick ein: eine Rahmenhandlung. Zach Katz ist 1944 als US-Kriegsberichterstatter in Europa gelandet, wird schwer verletzt und gelangt Anfang 1945 in ein Militärlazarett. "Bis an die Fingerspitzen bandagiert", kann Zach Katz den ihn behandelnden Arzt überzeugen, dass geistige Beschäftigung seinen Heilungsprozess beschleunigen würde. Also wird ein Corporal Brady abgestellt, um mittels Schreibmaschine getreulich festzuhalten, was Zach ihm diktiert.

Was diktiert er? Nicht etwa seine jüngsten Kriegserlebnisse, sondern (wie er meint) all das Merkwürdige und Bewahrenswerte, das er vor dreißig Jahren erlebt hat. 1914 nämlich war Zach Katz - notgedrungen - eine Zeit lang Passagier der "Präsident" gewesen, einem Schiff der Reederei Hapag, Hamburg, das "in der Karibik wie eine Straßenbahn von einer Endhaltestelle zur anderen und wieder retour" fuhr. Dabei lernte Katz ein paar merkwürdige, ja gar sonderbare Menschen kennen, die ihm ihre teils erstaunlichen, teils verblüffenden, teils kaum glaubhaften Lebensgeschichten erzählten.

Diese Geschichten empfand Katz, der sich unter dem Einfluss der offenbar wunderbar inspirierenden Seeluft und gleichsam im Schiffsumdrehen von einem simplen amerikanischen Journalisten zu einem gewieften Reiseschriftsteller entwickelte, so überliefernswert, dass er sie mit winziger Schrift in ein kleines Büchlein niederschrieb. Aus diesem Büchlein, das er "wie einen Talisman" ständig sich bei sich trug, auch auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, diktiert Zach Katz dem Corporal Brady (der später von einem deutschen Kriegsgefangenen abgelöst wird) das vorliegende Buch.

Dankenswerterweise hält sich Katz - wohl im Sinne des Autors - grundsätzlich an die stets empfehlenswerte Maxime: "Ich wollte möglichst viel . . . mitteilen, ohne dabei geschwätzig zu wirken". Was aber den oben erwähnten Zweifel an der Glaubwürdigkeit mancher an Bord aufgeschnappter biographischer Nacherzählungen betrifft, halte man sich an den Interpretationsleitsatz (© Katz, ©© Spinnen): "Das war natürlich ein Scherz. Alles andere war ernst gemeint." (Damit wäre übrigens der ganze, viele Seemeilen weit angenehm vergnüglich dahinschaukelnde Roman nicht übel charakterisiert.)




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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2014-10-02 21:32:07
Letzte Änderung am 2014-10-03 13:28:43



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