• vom 10.10.2014, 14:00 Uhr

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Update: 10.10.2014, 14:40 Uhr

Deutscher Buchpreis-Gewinner

Seiler, Lutz: Kruso




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Von Gerald Schmickl

  • Essenz aus Poesie und Gastronomie
  • Lutz Seilers Roman "Kruso", der diese Woche mit dem Deutschen Buchpreis prämiert wurde, ist ein erlesenes, stellenweise überinstrumentiertes Sprachkunstwerk.

Moment stiller Freude: Lutz Seiler erhält den Buchpreis.

Moment stiller Freude: Lutz Seiler erhält den Buchpreis.© Foto: apa/dpa Moment stiller Freude: Lutz Seiler erhält den Buchpreis.© Foto: apa/dpa

Selten war sich die Branche so einig wie heuer, als es darum ging, die Wahl des am Montag dieser Woche bekannt gegebenen Deutschen Buchpreisträgers gut zu heißen. Lutz Seilers Roman "Kruso", der schon nach Erstellung der Longlist als Favorit auf die Auszeichnung galt, wird allgemein - weit über die Jury hinaus - als ein großes, mächtiges Sprachkunstwerk gepriesen.

Der 1963 in Thüringen geborene Autor hat eine makellose Preisbilanz: Bereits als Lyriker vielfach ausgezeichnet, gewann er 2007 mit der Erzählung "Turksib" den Bachmann-Preis, und nunmehr mit seinem Romandebüt sogleich den Buchpreis. Kündigt sich da etwa ein Nobelpreisträger in spe an . . .?


"Kruso" handelt von der freiwilligen "Flucht" des Germanistikstudenten Edgar Bendler nach Hiddensee, dem "Capri des Nordens" - jenem ganz am Rande der DDR gelegenen Eiland, das für viele Ostdeutsche der Sehnsuchtsort mit exotischer Ausstrahlung war. "Edgar Bendler hatte beschlossen, zu verschwinden, ein Satz wie aus einem Roman". Folgerichtig steht er auch in einem solchen - nicht das einzige intertextuelle Spiel in diesem andeutungsreichen Roman, einem "Hallraum für Philosophie und Literatur", wie "Die Welt" treffend bemerkte.

Die auffallendste Anspielung ist natürlich schon der Titel, der - erst recht ausgesprochen - an Daniel Defoes Roman erinnert. Und das Paar Crusoe und Freitag wird in der Folge oftmals zitiert, da Edgar eine Freitag-Rolle an- und einnimmt. Auf Hiddensee, wo er in dem Ferienbetriebsheim "Zum Klausner" als Abwäscher beginnt, gerät Ed in den Sog des ebenfalls dort tätigen Alexander Krusowitsch, eines Russlanddeutschen, genannt "Kruso", oder auch - von Alexander her - "Aloscha" bzw. "Losch".

Dieser kräftige und charismatische Kerl ist das gravitätische Zentrum einer Truppe sogenannter "Esskaas", der ausgesprochenen Abkürzung für Saisonkräfte, die allesamt in dem gastronomischen Teil des Heims arbeiten. Es ist ein Haufen versprengter Akademiker - Philosophen, Soziologen, Dichter, die sich u.a. Cavallo oder Rimbaud nennen, und "mit Hilfe einer Essenz aus Gastronomie und Poesie halten sie ihre Arche über Wasser", die "Arche Kruso", wie dieses werktätige Kollektiv auch genannt wird.

"Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält", äußert Edgar einmal. In dieser "Gemeinschaft der Eingeweihten" kommt er dieser Position sehr nahe. "Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten", sagt Kruso - und skizziert damit seine Philosophie für die "Freie Repu-blik Hiddensee". Es ist in gewisser Weise der Versuch, das richtige Leben im falschen zu führen. Sprich: ein freies Leben innerhalb der DDR, deren Wachtürme auch auf Hiddensee präsent sind.

Die Handlung spielt freilich, das ist nicht unwesentlich, in den letzten Wochen und Tagen der DDR. Über ein Rundfunkgerät, zärtlich "Viola" genannt, sickern Meldungen von ersten Grenzöffnungen auf der Insel ein.

Freundschaftsbund
Edgar hält sich - ganz bis zum Schluss, als nur noch sie zwei von der gesamten Klausner-Besatzung übrig sind - an der Seite seines Blutsbruders Kruso: ". . . sein heiliger Ernst, eine still vibrierende Aura (. . .) - die Kruso-Energie" haben es ihm angetan. "Kruso hatte ihm Aufgaben gegeben, er hatte Klarheit in Eds Tage gebracht und das unabweisbare Gefühl, dass es auch für ihn eine Möglichkeit gab, sich über sein diffuses, verfahrenes Dasein zu erheben."

Dieser Freundschaftbund ist, naturgemäß, männlich konturiert. Frauen spielen in diesem Geflecht aus Virilität, Ritualistik und Geistesakrobatik nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten von ihnen kommen gar nur mit ihren Anfangsbuchstaben vor: als G., C. oder B. . . . Und fast alle - auch Krusos Schwester Sonja (immerhin ausgeschrieben) und seine Mutter - erleiden böse Schicksale: die Frauen ertrinken, werden von der Straßenbahn überfahren, fallen vom Hochseil - und sind auf diese brachiale Weise für die sehnsüchtig an sie gebundenen Männer unerreichbar.

Diese Marginalisierung des Weiblichen könnte einer euphorischen Aufnahme des Romans, wie sie bei Literaturkritikern und Fachjurys bisher erfolgte, bei einem breiteren Lesepublikum (das bekanntlich zum größeren Teil aus Frauen besteht) eventuell im Wege stehen. So wie auch seine elaborierte Kunstsprache.

Die Sprache von "Kruso" ist von seltener Erlesenheit - im doppelten Wortsinn: einerseits von exquisiter Ausgesuchtheit, andererseits sprechen zahlreiche Dichter aus ihr: von Trakl über Artaud, Kafka bis zu Nietzsche, Benn und Peter Huchel reichen die Anklänge. Und diese Sprache klingt auch deswegen so berauschend mächtig - über weite Strecken sind es weniger realistische Beschreibungen, sondern Stimmungen, die eine somnambule, halluzinatorische, sur- bis hyperreale Atmosphäre erzeugen -, weil sie tatsächlich ersprochen ist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-10 13:29:05
Letzte Änderung am 2014-10-10 14:40:45


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