• vom 21.02.2015, 10:00 Uhr

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Lazar, Maria: Die Vergiftung




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Von Michael Rohrwasser

  • Blick in Kleiderkasten



Man ist die aufgeregt-routinierten Formeln gewohnt, mit denen uns Autoren und noch mehr Autorinnen gepriesen werden, die die bösen Literaturkritiker und Literaturhistoriker uns vorenthalten haben, aus Gleichgültigkeit oder gar mit verschwörerischer Absicht. Bei der Lektüre stellt sich dann meist heraus, dass die literarischen Qualitäten doch nicht ausreichen für ein Rehabilitationsverfahren.

Und dann das: Da wird ein Roman von 1920 wiederaufgelegt, in einem Verlag mit dem schönen, aber gefährlichen Namen "das vergessene buch", von einer Autorin, deren Namen so unbekannt wie nur möglich ist. Eine so eigenwillige und eine so starke Sprache hat man lange nicht mehr vernommen, und wie hier erzählt wird, das verrät Souveränität, Gestaltungsvermögen und auch literarisches Selbstbewusstsein - dreizehn Kapitel, die eigentlich kleine Erzählungen sind, die sich im Laufe der Lektüre allmählich zu einem Ganzen zusammenschließen. Man vergisst bei dieser eindringlichen Bilderfolge schnell alle Versuche einer literaturhistorischen Einordnung ("Expressionismus" oder "Impressionismus"), aber wenn man die Nachbarschaften dieses außergewöhnlichen kleinen Romans benennen will, dann sind das große Namen wie Ernst Weiss, Hermann Ungar oder Veza Canetti - kurz: es handelt sich um eine kleine Sensation.


Die Titel der Kapitel sind knapp und verraten viel: "Die Tür", "Der Kleiderkasten", "Die Mutter", "Geld", "Gott", "Brand", "Abrechnung" - und nur ein einziges Attribut taucht auf: "Gute Familie". Eine Familiengeschichte, aber kein Familienroman. Am Anfang der Blick in den Kleiderkasten und dann der in Mutters Kommode, aus beiden steigen keine heimeligen Gerüche, stattdessen ahnt man Familiengeheimnisse, solche, die mit Schweigen und Verboten konnotiert sind.

Im Zentrum steht eine junge Frau, Ruth, die in einer unerfreulichen Beziehung zu einem älteren Chemiker gefangen ist ("die kriecherische Wendung des L in Liebe"), auf dessen Tisch ein scharf geschliffenes Messer liegt. Ihre Mutter ("lebendigstes Gewesensein") und Onkel Gustav halten fest an einer Familienfassade, die am Einstürzen ist, und doch dringt der Verrat aus allen Poren. Was genau in der Vergangenheit passiert ist, lässt sich nur erahnen, die Story erschließt sich dem flüchtigen Leser nicht, stattdessen sind es suggestive Bilder mit Leerstellen und "verwesten Gedanken", die sich zu Stimmungen verweben - ein düsteres Gewitter braut sich da zusammen, die Wolken hängen tief, die ersten Blitze leuchten, den Beteiligten winkt keine Zukunft.

Es ist ein schönes kleines Buch, mit einem guten und ausführlichen Nachwort von Johann Sonnleitner, der am Ende einen berühmten misogynen Autor zitiert, der nach einigen Seiten das Buch wieder zuklappt und unter dem Datum 17. April 1920 in sein Tagebuch notiert: "Penetranter Weibsgeruch". So etwas kann sich auch in eine Empfehlung verwandeln, dann nämlich, wenn man anmerkt, dass Thomas Mann für einen solchen Stoff keine Nase hatte.

Maria Lazar: Die Vergiftung. Hrsg. und mit Nachwort von Johann Sonnleitner. Verlag das vergessene buch, Wien 2014, 168 Seiten, 17,90 Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-02-19 22:08:08
Letzte Änderung am 2015-02-20 14:42:53


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