• vom 06.03.2015, 13:51 Uhr

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Update: 06.03.2015, 14:02 Uhr

Literarisches Buch

Stanzl, Werner: Hinrichtung








Von Heiner Boberski

  • Schleuder und Bombe
  • Werner Stanzl nimmt religiösen Extremismus aufs Korn.

Der Krimi rechtfertigt schon auf den ersten Seiten seinen Titel "Hinrichtung". Auf dem Hauptplatz von Cormons im Nordosten Italiens findet bei Sonnenaufgang unter Glockengeläut eine Steinigung per Fernbedienung statt. Damit beginnt eine mysteriöse Mordserie im Großraum Gorizia und Monfalcone, deren Urheber auch einem so klugen Ermittler wie Commissario Bruno Vossi immer einen Schritt voraus ist.

Da die Opfer alle dem erzkonservativen katholischen "Opus Urbani" angehören, dämmert Vossi bald, dass hier mit religiösem Hintergrund gemordet wird. Und nicht nur er, auch der Leser ahnt bald, dass der Täter - obwohl entsprechend arrangierte Indizien es nahelegen wollen - kein Islamist ist. Stecken hinter den Verbrechen womöglich Christen auf der Linie von Papst Urban II., der 1095 zum Kreuzzug aufrief? Christen, denen es ein Dorn im Auge ist, dass Papst Johannes Paul II. 1985 den Koran küsste? Christen, die - wie auf der anderen Seite radikale Muslime - eine Konfrontation der Religionen herbeiwünschen.


Es dauert eine Weile, bis Commissario Vossi - zu spät - zum Täter vordringt, den man übrigens nicht erraten kann. "Hinrichtung" ist kein klassischer Krimi mit einer überschaubaren Zahl konkreter Verdächtiger, von denen der Ermittler am Ende einen zur Verantwortung zieht. Der Täter wird von anderen zur Verantwortung gezogen - ein Schluss, der Bruno Vossi "Katzenjammer" bereitet - und vermutlich vielen Lesern auch. Es sind die Geheim- und Sicherheitsdienste (auch jenen des Vatikan sollte man nicht unterschätzen, der Autor dürfte ihn aber etwas überschätzen), die dem Ermittler ins Handwerk pfuschen und ihn auch noch wissen lassen: "Im Vergleich zu uns arbeitet ihr mit Steinschleudern, wir mit der Atombombe."

Für Komplikationen abseits der Mordserie sorgt ein eifersüchtiger und schießwütiger Ehemann, der den Provinzpräsidenten aufs Korn nimmt. Und als Höhepunkt findet anlässlich des 100-Jahr-Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Besuch des Papstes am Schauplatz der seinerzeitigen Isonzo-Schlachten statt.

Autor Werner Stanzl ist mit der reizvollen Region Friaul-Julisch Venetien offensichtlich gut vertraut. Er baut genüsslich die in diesem Gebiet noch latente Habsburger- und Altösterreich-Nostalgie ein. Ein blendender Stil und gut getroffene Personen zeichnen sein Buch aus. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Bedrohung durch religiöse Extremisten ist es - übrigens im katholischen Styria Verlag, der sich mutig dieser Thematik stellt - genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen.

Werner Stanzl: Hinrichtung. Styria, Wien-Graz-Klagenfurt 2015, 303 Seiten, 14,99 Euro.




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Dokument erstellt am 2015-03-06 13:56:06
Letzte Änderung am 2015-03-06 14:02:07


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