• vom 14.03.2015, 10:00 Uhr

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D’Arrigo, Stefano: Horcynus Orca




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Von Lennart Laberenz

  • Der monumentale, bilder- und mythenreiche italienische Roman "Horcynus Orca" galt bisher als unübersetzbar. Jetzt ist das Meisterwerk von Stefano Fortunato D’Arrigo in einer kongenialen deutschen Übertragung erschienen.

Stefano Fortunato D’Arrigo (1919-1992).

Stefano Fortunato D’Arrigo (1919-1992).© Paola Agosti/ Opale/ Studio X Stefano Fortunato D’Arrigo (1919-1992).© Paola Agosti/ Opale/ Studio X

Es ist eine Sensation und sie beginnt so: "Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ’Ndrja Cambria, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis."

Vier Tage und doch das Kaleidoskop eines ganzen Lebens: "Horcynus Orca" von Stefano D’Arrigo, exakt vierzig Jahre nach seinem endgültigen Erscheinen ins Deutsche übertragen - und damit erstmals überhaupt aus dem Italienischen übersetzt -, ist ein gewaltiges Nachglimmen der vergangenen Epoche der literarischen Moderne; ein Werk, das sich neben "Ulysses", dem "Mann ohne Eigenschaften", oder "Moby Dick" einordnet. Ganz oben auf dem Podest.

Information

Stefano D’Arrigo: Horcynus Orca. Roman. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Fischer Verlag, Frankfurt, 1471 Seiten, 58,- Euro.


Meergleiche Prosa
Vor allem aber ist "Horcynus Orca" die Suspension von Realität: In der Sprache von D’Arrigo (und immer auch der brillanten Trans-literation und Nachdichtung von Moshe Kahn) wird die Welt des Oberbootsmanns flüssig. Erzählung und Erzähl-Sprache schwappen, rollen meergleich zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Sizilien und Kalabrien, ziehen sich zurück, gurgeln Erinnerungen und Episoden aus der Vergangenheit hervor, schwemmen Beobachtungen und Mythen der Meerenge an, umspülen plastisch die Armut und die Gewalt des Krieges, die Sonnenhitze, den Schirokko.

Es wogen heran: seltsame Figuren, versprengte Soldaten, Strandläufer, Frauengestalten, die oft zwischen realen Figuren und mythischen Wesen changieren. Auf Tage und Wochen suspendiert sich so vor allem auch die Realität des Lesers, der mit D’Arrigo und Cambria auf Reisen geht.

Da sitzt man dann und eine seltsame Stimmung hat sich breit gemacht, der Alltag ist empfindlich gestört, die Sprache von Zeitungen und Alltagsliteratur scheint fade und unempfindlich gegenüber dem, was sie abbilden und erzählen will. Denn D’Arrigos Sprache allein ist ein Ereignis: 1919 in Messina geboren, wollte er den Klang seiner Kindheit wiederaufleben lassen und so ist das Sizilianisch durchtränkt von rund 2000 Neologismen - von D’Arrigo handgezählt -, changiert gleichzeitig ins kultivierte Italienisch: ein Pastiche, eine Hyper-Sprache, selbst für viele Italiener schwer zugänglich.

Und ein Spektakel ist auch die Entstehungsgeschichte, selbst wer sie kursorisch überblickt, versteht, dass es sich hier um ein Unterfangen aus Zeiten handelt, in denen Literatur noch ernsthaft betrieben wurde und kein Geschäft zwischen Buchhandelsketten, Onlineversand, Schreibkursen und Gefälligkeiten für den Massengeschmack war: D’Arrigo veröffentlichte 1960 hundert Seiten aus einem ersten Konvolut in der Literaturzeitschrift "Il Menabò" (welche Zeitschrift macht das heute noch?), sechshundert Seiten druckte Italiens renommiertester Verlag Mondadori und gab sie, verbunden mit einem monatlichen Salär zur Fahnen-Korrektur, an D’Arrigo zurück. Aus der Korrektur wurden etwas weniger als eineinhalb Jahrzehnte, die D’Arrigo größtenteils unter Wäscheleinen verbrachte - er hatte sie durch sein Arbeitszimmer gespannt und daran die einzelnen Druckfahnen aufgereiht, untenan klebte er seitenweise Ausführungen, daneben immer wieder Einschübe, ein ganzer zweiter Teil wuchs heran.

Das späte Meisterwerk
Als der Roman 1975 schließlich erschien, hatte D’Arrigo zwei Jahrzehnte daran gearbeitet. Aus der literarischen Sensation Nachkriegs-Italiens, die sich lange wie ein Gerücht gehalten hatte, war ein schwer zugängliches, eigentlich unübersetzbares Epos geworden - dabei hatte sich weltweit längst der literarische Minimalismus durchgesetzt, in Frankreich zweifelte man grundsätzlich an der Romanform.

D’Arrigo, heißt es, sei noch bei der Veröffentlichung mit dem poetischen Sizilianisch unzufrieden gewesen, es kam ihm verbesserungswürdig vor. Kurz vor seinem Tod 1992 wollte er noch ein vergleichbares Epos beginnen.

In der deutschen Druckfassung, an der der Übersetzer mit dem Verleger Egon Amman und Lektoren fast zwölf Jahre arbeitete, umfasst der Roman knapp 1500 eng bedruckte Seiten. Ein Werk, das sich der Zusammenfassung verwehrt. Versuchen wir es so: Drei Teile mit zusammen 50 einzelnen Episoden - nicht unähnlich dem Don Quixote -, zunächst ein Fußmarsch auf der kalabrischen Seite bis zum Landstrich der Feminoten. Der Kern des Romans ist das Streifen des Protagonisten durch eine vom Krieg aufgelöste Realität: Region und Bewohner sind zerfetzt, verarmt und verroht. Die Fetzen des alten Lebens begegnen uns immer auch als Sprache, als Analogie und Rhythmus.

Schon hier begegnet ’Ndria Cambria auch den Fere, den wilden, ungezähmten Delphinen in der Meerenge. Im Gegensatz zum freundlichen Bild, das wir uns heute von den Tieren machen, sind sie für die Pellisquadre (so nennt D’Arrigo die "Pescatori", also die Fischer) hinterlistige Gestalten, grausam, tückisch, netzzerreißend und obendrein kaum genießbar: In schlimmen Zeiten, in denen der "Mangel im Meer" die Fischer zur Verzweiflung und weit darüber hinaus treibt, lachen sie taghell über das Wasser, spotten und können allenfalls mit Starkessig zu Dörrfleisch verarbeitet werden.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-13 12:05:08
Letzte Änderung am 2015-03-13 15:58:21


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