• vom 18.04.2015, 10:00 Uhr

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Literatur

Maschinerie der Derealisierung




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Von Uwe Schütte

  • Die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla bestritt in Saarbrücken eine Poetikdozentur für Dramatik. Die gesellschaftskritischen Vorträge liegen nun in Buchform vor.

Kathrin Röggla.

Kathrin Röggla.© Wikimedia GNU Free Licence/Amrei-Marie Kathrin Röggla.© Wikimedia GNU Free Licence/Amrei-Marie

Mittlerweile dürfte eigentlich so ziemlich jeder Prosaautor deutscher Sprache irgendwo eine Poetikvorlesung gehalten haben. Manche bringen es sogar auf zwei oder mehrere solcher Gast-Dozenturen, mit denen Universitäten sich gerne schmücken. Doch hat man erst die zumeist mit Trivialitäten, Falschinformationen und Plattitüden gespickten Grußworte irgendwelcher Rektoren oder städtischer Würdenträger überstanden, so erweisen sich die Vorträge nicht selten als sehr aufschlussreich, egal ob der oder die Vortragende sich ans konventionelle Muster des Werkstattberichts hält oder, wie mittlerweile Usus, irgendwie dagegen rebelliert.

Angesichts der zunehmenden Saturiertheit des Marktes für Poetikvorlesungen und -dozenturen nimmt es so auch nicht sonderlich wunder, dass die Universitäten nach neuen Spielformen suchen. In Saarbrücken wurde 2012 eine Poetikdozentur für Dramatik ins Leben gerufen, die zuletzt von Kathrin Röggla bestritten wurde. Die drei Vorträge, welche die aus Salzburg stammende Autorin im Sommer 2014 hielt, liegen nun in Buchform vor. Wer sich für den Zusammenhang von avancierter Literatur und politischer Zeitgenossenschaft interessiert, wird an "Die falsche Frage" nicht vorbeikommen. Der Band liefert freilich keine vorgefertigten Antworten auf die Frage, wie kritisches Schreiben unter heutigen Bedingungen auszusehen hat, sondern versucht, in immer neu ansetzenden Denkbewegungen, den Rahmen abzustecken, in dem eine schreibende Auseinandersetzung mit der sogenannten Realität unter den derzeitigen, politischen wie ökonomischen Gesellschaftsverhältnissen überhaupt noch möglich ist.


Daran, dass ein literarischer Ansatz unabdingbar ist, um die sich dem Verständnis (und damit der kritischen Analyse) zunehmend entziehenden Zusammen-hänge zu beleuchten, besteht für Röggla kein Zweifel. Richtig so! Denn auf konventionelle Erzählweisen dazu ist kein Verlass mehr. Zu radikal hat sich in den letzten Jahren das Format des sozioökonomischen Systems gewandelt. Verlässlich ist nur mehr eines: die zunehmende Erosion sozialer Sicherheit bei gleichzeitiger Disziplinierung des Einzelnen zu einem flexibilisierten Rädchen in der spätkapitalistischen Maschine. "Ich will Formen des Sprechens finden, die den Gewaltzusammenhang gesellschaftlicher Verhältnisse deutlicher hervortreten lassen und gleichzeitig unterlaufen", bekennt Röggla, und wer ihre in den letzten Jahren entstandenen Texte kennt, weiß, dass ihr dies prägnanter und mithin erkenntnisstiftender gelungen ist als den allermeisten ihrer - wie man angesichts der auch vor der Kultur nicht Halt machenden Ökonomisierung sagen sollte - Konkurrenten im Feld der Kreativindustrie.

Entsprechend denkt Röggla auch selbstkritisch darüber nach, inwieweit ihre Recherche- und Schreibarbeit sie eingliedert in die Verhaltensmuster neoliberalen Selbstmanagements und welche Rolle einem post- oder nunmehr schon postpostdramatischen Theater zukommt angesichts der allumfassenden medialen "Derealisierungsmaschinerie", deren vornehmlichstes Ziel die Verdummung der Allgemeinheit ist.

Wie einst Thomas Bernhard gelingen Röggla anschauliche Neologismen, um unsere schöne neue Medienwelt begrifflich zu deku-vrieren, sie spricht beispielsweise von "Mainstreamisierungswahnsinn" oder "Ausbeutungs- und Infantilisierungswirklichkeiten", weil gerade solche Begriffe geeignet sind, sich abzusetzen vom Diskurs sogenannter Experten, die in den Medien jene vorgefertigten Fachmeinungen abgeben, die dem Publikum die eigene intellektuelle Auseinandersetzung ersparen und berechtigte Besorgnis ob der Verhältnisse zerstreuen soll. Oder, um es kurz zu sagen: Mit "Die falsche Frage" hat Kathrin Röggla erneut eindringlich gezeigt, dass wir mehr solche Autorinnen wie sie brauchen.

Kathrin Röggla

Die falsche Frage

Verlag Theater der Zeit, Berlin 2015, 112 Seiten, 14,- Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-04-16 20:44:05
Letzte Änderung am 2015-04-16 21:11:04


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