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Imperien

Von Rom nach Washington




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Von Wolfgang Taus

  • Der Historiker Marco Walter schrieb ein Buch zur Frage des Niedergangs und Zerfalls von Imperien.

Wolken über dem Capitol - wie einst die Römer müssen die USA um ihre Macht bangen. - © apa/epa/M. Reynolds

Wolken über dem Capitol - wie einst die Römer müssen die USA um ihre Macht bangen. © apa/epa/M. Reynolds

Was lässt sich aus der Geschichte des Römischen Reiches für die heutige politisch-ökonomisch-militärische Strategie der Weltmacht USA auf der globalen Bühne lernen? Der Historiker Marco Walter geht in diesem hochinteressanten Vergleich der Frage des Niedergangs und Zerfalls von Imperien sowie den jeweiligen möglichen Gegenstrategien, die dies verhindern könnten, auf den Grund.

Am Anfang seiner Überlegungen steht das "Dekadenzproblem" sogenannter "demokratischer Imperien", das sich darin ausdrückt, dass die imperiale Expansion des Gemeinwesens die partizipatorisch-republikanische Ordnung in Frage stellt. Der Autor weist im Falle Roms darauf hin, dass während der augusteischen Periode ein sogenannter "Sittendiskurs" geführt wurde, in dem durch eine tiefgreifende Reformierung der bürgerlichen Werte insbesondere die innergesellschaftliche Ordnung im Imperium Romanum wiederhergestellt werden sollte.

Information

Sachbuch:

Nützliche Feindschaft? Existenzbedingungen demokratischer Imperien - Rom und USA

Von Marco Walter

F. Schöningh Verlag, 210 Seiten, 33,90 Euro


Furcht vor äußerem Feind half gegen Reichs- und Sittenverfall
Damit ist meist auch eine "innere Feinderklärung" gegen sogenannte Profiteure der Dekadenz von Seiten der "Erneuerer" gemeint, um die ethischen Leitlinien des Reiches einmal mehr zu festigen. Nicht selten war damit eine Ermahnung und Drohung an Teile der eigenen Jugend gerichtet, sich an den Vorbildern der Alten (mos maiorum) auszurichten und nicht allein die materiellen Erträge imperialer Macht in Form einer "Genussdividende" zu konsumieren.

Rom versuchte weiters durch eine Mischverfassung, die monarchische, aristokratische und demokratische Elemente enthielt und miteinander vermischte, der drohenden Dekadenz entgegenzuwirken. Diese Mischverfassung erlaubte eine wechselseitige Kontrolle der Amtsinhaber und die Konkurrenz der Verfassungsorgane. Schließlich galt die Furcht vor einem äußeren Feind als Heilmittel vor drohendem Reichs- und Sittenverfall. Demnach war es etwa die Furcht der Römer vor Karthago, welche das römische Gemeinwesen zusammenhielt, bevor - wie es Sallust beschreibt - "die Zerstörung des Feindes die schändlichen Leidenschaften entfesselte und die römische Republik an den Rand des Ruins trieb".

Je ausgedehnter das römische Imperium wurde, umso größer wurden die zu bewältigenden Herausforderungen für die republikanischen Institutionen. Der vormals gesunde Ehrgeiz des Einzelnen wird immer mehr zu einer stets drohenden Gefahr, sobald ihm schlagkräftige Heere für längere Zeit anvertraut werden müssen. Am Ende wurde der Weg ins reine Imperium eingeschlagen, und die Republik ging unter. Als Augustus sich daranmachte, die freiheitlich-republikanischen Errungenschaften auf dem Altar römischer
Größe zu opfern, war kein nennenswerter Widerstand mehr vorhanden.

Heute sind in den USA die militärischen und zivilen Bereiche hinreichend getrennt und die Truppen nicht mehr ihrem Befehlshaber, sondern der Verfassung verpflichtet, weshalb eine identische Wiederholung des römischen Szenarios unwahrscheinlich sei, betont der Autor. Dennoch bleibt auch hier die Gefahr, dass bestimmte Institutionen durch die Bewältigung imperialer Aufgaben ihre Kompetenzen derart erweitern, dass sie das innere Gefüge der Kontrolle und Gegenkontrolle zu dominieren vermögen und dadurch die Demokratie aushöhlen könnten.

Wie im alten Rom stehen auch in den USA einerseits der Präsident selbst mit seiner starken außenpolitischen Stellung und andererseits die Industrie unter Verdacht, da sie besonders von der imperialen Expansion profitieren und damit Ressourcen zur politischen Einflussnahme erlangen. Tendenzen solch neuer Machtzentren sind in Amerika erkennbar, die auf Kosten der Demokratie den imperialen Status fördern. Ein diffuser "äußerer Feind" wie der dschihadistische Terrorismus" oder ein neues Bedrohungsgefühl durch ein erstarktes und aggressiver auftretendes Russland und China könnten das Zusammengehörigkeitsgefühl der Amerikaner entscheidend fördern und damit dem drohenden Niedergang der eigenen Weltmacht entgegenwirken. Lesenswert.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-06-08 16:32:08
Letzte Änderung am 2015-06-08 16:59:52



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