• vom 16.08.2015, 10:30 Uhr

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Von Jeannette Villachica

  • Herman Kochs Roman "Sehr geehrter Herr M."



Vor vielen Jahren verschwand der Geschichtslehrer Jan Landzaat nach einer Affäre mit einer Schülerin. Die damals 17-jährige Laura und ihr Freund Herman waren die Letzten, die den Lehrer gesehen hatten. Die zwei standen zunächst unter Mordverdacht, eine Leiche wurde jedoch nie gefunden und der Fall blieb ungelöst. Auf Basis dessen, was über diesen Fall bekannt war, schrieb der Schriftsteller Herman M. kurz darauf einen Thriller mit dem Titel "Abrechnung"; von dessen Erfolg er noch heute profitiert. Mittlerweile hasst er den Literaturbetrieb und sein eigenes Geschwätz vor Publikum. Die immer gleichen "Querulanten-Fragen", "Dummkopf-Fragen" und "Lehrerinnen-Fragen" wecken in ihm Mordfantasien. Am liebsten würde er nur noch mit seiner schönen, sehr viel jüngeren Frau und der gemeinsamen Tochter die Ruhe zu Hause genießen.

Dies alles erfahren wir durch M.’s Nachbarn, einen sehr jungen, alleinstehenden Mann. Er heißt auch Herman, kennt "Abrechnung" in- und auswendig und hat seine eigene Meinung zu den fiktiven Stellen darin. Bald wird klar, dass dieser Mann in den Fall damals involviert war. Aber was will er heute von dem alten Schriftsteller? Warum beobachtet er ihn rund um die Uhr, fängt seine Briefe ab und interessiert sich gar dafür, ob M. Kaffee kochen kann oder seine Butter im Kühlschrank verwahrt?


Der niederländische Schriftsteller Herman Koch hat einen neuen Roman auf Deutsch vorgelegt. "Sehr geehrter Herr M." heißt er und ist leider aufgrund der verschachtelten Konstruktion und der blasseren Charaktere weniger fesselnd als Kochs international erfolgreichster Roman "Angerichtet" und später "Sommerhaus mit Swimmingpool". Die hintergründige, oft humorvoll-bissige, spannend strukturierte und aufrüttelnde Mischung aus Psychothriller, Gesellschaftssatire und Familiendrama, mit der Koch in jenen zwei Romanen begeisterte, findet sich in "Abrechung" nur ansatzweise.

Das Buch ist auch eine Satire auf den Literaturbetrieb, aber besonders amüsant liest sich das nicht. Vor allem kommt man weder dem Schriftsteller noch dem Nachbarn oder anderen Kurzzeit-Erzählern wie den Schülern Laura und Herman oder dem Lehrer recht nahe. Wenn Koch am Schluss den Fall auflöst, interessiert die Wahrheit im Grunde nicht mehr, auch wenn sie überrascht.

Wie oft bei Koch sind hier vor allem die Männer, aber mitunter auch die Frauen skrupellos, wenn es um die Vertuschung eigener Verfehlungen oder um Rache geht. Sogar der Tod geht leicht von der Hand, wenn die eigene soziale Stellung und die richtigen Beziehungen, die nötige Arroganz und die Fähigkeit zur Manipulation vor sozialem Tod und Gefängnis schützen. Kochs Romane spielen im Bildungsbürgertum, und auch das Verhältnis Jugendlicher zu Eltern und Lehrern, von Schutzbedürftigen und Beschützern, und das Kippen von Machtverhältnissen ist in "Sehr geehrter Herr M." wieder ein zentrales Thema. Wer ist Opfer, wer Täter? Wer hat welches dunkle Geheimnis? Koch ist ein Spezialist im Falsche-Fährten-Legen. Hier ging ihm offenbar der Fokus verloren. Diesem Roman fehlt das Zentrum.

Herman Koch

Sehr geehrter Herr M.

Roman. Übersetzt von Christiane Kuby und Herbert Post. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 398 Seiten, 20,60 Euro.




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Dokument erstellt am 2015-08-13 14:44:04


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