• vom 19.09.2015, 17:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Perle der Erzählkunst




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter Jungwirth

  • Alex Capus auf den Spuren von Robert Louis Stevenson.



Man schreibt den 7. Dezember und im Hafen der Pazifikinsel liegen vier gesunkene Kriegsschiffe. Aber wir sind nicht in Hawaii, und nicht im Jahr 1941, sondern im Jahr 1889 auf Samoa. Dort geht, genau 52 Jahre vor dem Angriff auf Pearl Harbor, ein "großgewachsener, hagerer Mann in Hemdsärmeln, der einen braunen Samtmantel über die Schulter geworfen hatte", an Land. Es ist der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson.

Stevenson hat vor Samoa bereits die Marquesas, Tahiti, Hawaii und die Gilbert-Inseln besucht, um Reisereportagen für amerikanische Zeitschriften zu schreiben, und die Arbeit im tropischen Klima - "schwerer Regen, vierzig Grad Hitze und hundert Prozent Luftfeuchtigkeit" - ist für ihn eine qualvolle Pflicht. Er will endlich nach Hause, also nach Schottland, nach Edinburgh. Aber zur großen Überraschung aller - der Zeitgenossen ebenso wie der Nachwelt - entschließt sich Stevenson, nach wenigen Tagen Aufenthalt, auf Samoa zu bleiben. Er kratzt sein Geld zusammen, kauft ein Stück Dschungel am Fuß eines Vulkans, lässt den Urwald roden und für sich und seine Familie - seine Frau Fanny und seinen Stiefsohn Lloyd - ein kleines Haus mit Meerblick bauen.

Information

Alex Capus
Reisen im Licht der Sterne
Roman. Hanser, München 2015, 219 Seiten, 20,50 Euro.


Warum? Und woher kam das Geld, das Haus zu einem luxuriösen Anwesen auszubauen? Diesen Fragen widmet sich der französischstämmige Schweizer Autor Alex Capus. Und er präsentiert als Antwort eine faszinierende Vermutung: Stevenson habe von einem Schatz erfahren, der auf einer nahe Samoa gelegenen Insel vergraben sei. Und - als wäre es nicht Ironie genug, dass ausgerechnet der Autor, der mit der "Schatzinsel" berühmt wurde, von einer Schatzinsel erfährt -, es sei Stevenson auch gelungen, diesen Schatz zu finden und unbemerkt zu bergen. Das wäre natürlich, wenn es denn stimmen würde, fürwahr ein starkes Stück. Aber war auf Tafahi, einer 267 Kilometer südlich von Samoa gelegenen Insel, überhaupt jemals ein Schatz vergraben? Und, wenn ja, wie groß war dieser Schatz? Und wer hat ihn gefunden?

Robert Louis Stevenson selbst hat zeitlebens von keiner Schatzsuche oder einem Fund berichtet. Auch ein Aufenthalt auf Tafahi ist nirgendwo in seinen peniblen Aufzeichnungen vermerkt. Aber eben das hat den Verdacht von Alex Capus nicht zerstreut, sondern geradezu genährt: Denn wieso sollte Stevenson, der fast die ganze Südsee bereist hatte, ausgerechnet das Samoa so nahe Tafahi nie besucht haben?

Auch was den Schatz anbelangt, von dem Capus vermutet, Stevenson habe ihn gefunden, nämlich den 1821 verschwundenen Kirchenschatz von Lima, gibt es eine Ungereimtheit: Der wurde zwar von vielen Schatzsuchern eifrig gesucht, aber auf einer anderen Insel, nämlich auf der zu Costa Rica gehörenden, tausende Seemeilen nordöstlich von Tafahi gelegenen Kokosinsel. Aber das bereitet Alex Capus keine Schwierigkeiten, sondern bringt einen Erzähler von seinem Format erst richtig in Schwung - und er löst dieses nautische Puzzle bravourös.

"Reisen im Licht der Sterne" - das nun, zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen, wieder aufgelegt wurde - ist mehr als eine gelungene Spekulation über obskure Schatzkarten: Es ist eine echte Perle der Erzählkunst.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-09-18 15:20:05
Letzte Änderung am 2015-09-18 16:24:17


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Fifty Shades of Crash
  2. Worin Stephan Schulmeister irrt
  3. Waren, die an Wert gewinnen
Meistkommentiert
  1. Peinlicher Abklatsch
  2. Waren, die an Wert gewinnen
  3. Worin Stephan Schulmeister irrt

Werbung




Werbung