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Kunst und Literatur

Als Picasso tobte




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Von Sabine Ertl

  • Der Biograf Malte Herwig über Rebellin, Muse, Malerin Francoise Gilot.

Pablo Picasso war ein Jahrhundertgenie. Maler, Zeichner und Bildhauer, aber auch Frauenheld und Despot. Die Welt lag ihm zu Füßen, auch die Frauen. Viele scheiterten an ihm und zerbrachen. Mit einer Ausnahme: Francoise Gilot.

Sie galt als Picassos Muse und sollte zeitlebens ein Rätsel für ihn sein. Quasi über Nacht verließ sie ihn, sie, sein Geschöpf, mit den gemeinsamen zwei kleinen Kindern am Arm und ging ihren eigenen Weg.  Über das Ende einer großen Liebe sollte sie keine Reue verspüren. Schließlich kannte ihn keine besser als sie. Sie reüssierte durch harte Arbeit und ihren Freisinn in ihrer Berufung der Malerei wie im Leben.


Gilot, 1921 geboren und mittlerweile im hohen Alter von 93, lebt in Paris und New York als Malerin und Schriftstellern. Fasziniert von dieser Grande Dame, gelingt dem deutschen Journalisten und Schriftsteller Malte Herwig eine großartige Hommage einer lebenden Legende. Es sollte während der Recherche für dieses Buch so etwas wie Freundschaft zwischen beiden entstehen.  Schon nach ihrem ersten Treffen schrieb Herwig in sein Notizbuch: "Als ich den Montmartre  hinunterlief, wusste ich, dass ich sie wiedersehen musste".

Eine Frage des Willens

Der Stoff vieler gemeinsamer Stunden in den Ateliers Gilots in Montmartre und in Manhatten fließt in dieses Porträt, das mehr ist, als nur das Erzählen einer Lebensgeschichte. Denn Gilot vermag mit "unfassbarer Lebhaftigkeit", "unheimlicher Konsequenz und Kraft" und "frei von äußeren Maßstäben" den aufmerksamen Lesern einiges über die "Kunst des Lebens" zu lehren. "Es ist alles nur eine Frage des Willens", erzählt Gilot im Gespräch. "Es kommt nicht darauf an, wie die Dinge sind, sondern wie du sie nimmst".

Malte Herwig erahnt in ihrem Wesenszug "eine Gelassenheit, auf Dinge zu reagieren und sie in sich aufzunehmen" gepaart mit "ungeheurem Selbstvertrauen", erkennt jedoch "keine Spur von Egoismus". Ganz anders als bei Pablo Picasso selbst - wie Francoise Gilot folgendermaßen ausdrückt: "Er war der größte Egomane von allen".

Langeweile ist das Allerschlimmste

"Wenn sie über Leidenschaft, Liebe und Glück sprach, wurde Francoise zu einer Mathematikerin des Gefühls. Kühl und klar erklärte sie, wie die Dinge bei ihr lagen. Keine Spur von Reue in ihren Worten, aber auch keine Sentimentalität", erfährt der Autor. "Ein Selbst zu haben, ist das einzig wichtige im Leben", davon ist die Künstlerin überzeugt. "Und dennoch gilt es, zeitlebens in Bewegung sein (…)".  Und das, um der größten Gefahr auszuweichen, die für "Die Frau, die Nein sagt" schlichtweg "Langeweile" heißt.

Diese Auffassung ist bei weitem nicht die einzige Lektion, die sie via dem Sprachrohr Malte Herwig dem Leser auf den Weg gibt. Sie drückt ihm quasi selbst einen Stift in die Hand, ermuntert zu ersten Zeichenversuchen, reißt mit ihrer Lebenslust aus der Trägheit des Alltags, aber das nur als Fingerzeig. Den Weg muss schließlich jeder alleine finden. Sie gibt auch keine Antworten, aber sie versteht es, die Richtung zu weisen.  Der Autor gibt zu: "Es sind Fragen, die ich mir vorher nie gestellt hatte".

Die Lektüre regt zum Philosophieren über das Leben an. Schließlich trägt sie eine unglaubliche Fülle an gelebten Weisheiten einer starken Frau in sich, deren Credo "Ein erfülltes Leben bekommt man nicht geschenkt" sie jeden Tag – trotz hohen Alters - mit Elan, Würde und unnachgiebiger Zähheit angeht.

Malte Herwig: Die Frau, die Nein sagt: Rebellin, Muse, Malerin - Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso. Ankerherz Verlag, Hollenstedt 2015, 169 Seiten, Gebundene Ausgabe , 29,90 Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-10-18 16:38:58
Letzte Änderung am 2015-10-22 08:45:07


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