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Biografie

Gerhard Schröder - der Macher




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Von Wolfgang Taus

  • Wegweisende und umfassende Biografie über den "Genossen der Bosse" im deutschen Kanzleramt.

Friedlich vereint bei der Biografie-Präsentation: Gerhard Schröder und Angela Merkel. - © apa/epa/Kay/Nietfeld

Friedlich vereint bei der Biografie-Präsentation: Gerhard Schröder und Angela Merkel. © apa/epa/Kay/Nietfeld

"Macht", schreibt der spätere deutsche Bundeskanzler der rot-grünen Koalition, Gerhard Schröder 1993, "fasziniert mich seit jenem Moment, da ich, ohne weiterführenden Schulabschluss und höhere Perspektiven als Lehrling hinterm Ladentisch stand. Ich wollte raus da, etwas bewegen."

Ja, Schröder (Jahrgang 1944) ist ein Machtmensch. Er sucht die Macht und provoziert seine Umgebung - ganz gleich ob als Juso-Vorsitzender in den siebziger Jahren; ob als junger Abgeordneter im deutschen Bundestag oder ob er als studierter Rechtsanwalt Außenseiter verteidigt oder als niedersächsischer Ministerpräsident (1990-1998) den Alleingang probt. Schröder war süchtig nach ihr.


So sieht es der deutsche Historiker Gregor Schöllgen, dem der Alt-Bundeskanzler uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Papieren - öffentlichen und privaten - gewährt. Schöllgen hat zudem viele Weggefährten, Vertraute und Verwandte, Gegner und Rivalen befragt. Was dabei herauskam, ist eine wegweisende und umfassende, lebendige Lebensbeschreibung des "Rebellen" Schröder, der schließlich ins Kanzleramt einzog und den "Kanzler der Einheit", Helmut Kohl, vom Thron stieß, was Letzterer nie verwinden konnte.

"Immer für eine
Überraschung gut"

Die Ära Gerhard Schröders als Kanzler (1998-2005) hat laut Schöllgen außen- und sicherheitspolitisch die überfälligen Konsequenzen aus der Einheit gezogen und Deutschland damit auf den Platz geführt, auf den es gehört. Schröder hat das Land innenpolitisch nicht zuletzt aufgrund seiner umstrittenen Reformen (Agenda 2010) so auf Vordermann gebracht, dass es diesen Platz "selbstbewusst und überzeugend" einnehmen könne, schreibt der Autor.

Polarisieren, das konnte und kann Schröder perfekt. Wem ist nicht nach seiner Wahlniederlage 2005 noch die verbale Attacke des noch regierenden deutschen Bundeskanzlers Schröder in der Elefantenrunde auf die damalige Oppositionsführerin der Union, Angela Merkel, in Erinnerung? Merkel blieb cool, während Schröder sich "um Kopf und Kragen" redete.

Das Verhältnis der beiden zueinander hat darunter aber nicht wirklich nachhaltig gelitten, was sich etwa daran messen lässt, dass beide, Merkel und Schröder, kürzlich gemeinsam in Berlin diese erste umfassende Biografie des Altkanzlers in Berlin vorstellten.

Die politische Karriere des Gerhard Schröder bis in die Ämter des Bundeskanzlers und des Vorsitzenden der SPD (1999-2004), war von Anfang an als Karriere angelegt - mit allen Höhen und Tiefen, seinen Männerfreundschaften, etwa zum russischen Präsidenten Wladimir Putin oder zu seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan, aber auch seinen Zerwürfnissen mit einstigen Weggefährten wie etwa dem damaligen britischen Premierminister Tony Blair um den "Britenrabatt" oder mit Oskar Lafontaine. "Kein Wort, keine Geste, kein Signal" gibt es mehr mit Letzterem, so Schöllgen.

Dass Schröder als Kanzler erstmals nach 1945 wieder deutsche Soldaten zu Kampfeinsätzen ins Ausland entsendete, dann 2003 den USA die Gefolgschaft im Irak-Krieg gegen Saddam Hussein verweigerte, gehört zum "neuen deutschen Weg", den der Kanzler selbstbewusst vorgibt. Auch wenn Schröder früher den Euro als "kränkelnde Frühgeburt" bezeichnete, war die Entscheidung seines Vorgängers Kohl "trotzdem nicht falsch", so Schröder. Er begründet dies heute in der Rückschau damit, dass es damals "nicht die Möglichkeit gab, schon die politische Union zu liefern. Und weil man nicht vergessen durfte, dass der Euro mit der deutschen Einheit verbunden war."

Seine schwierige Kindheit wie seine verschiedenen Partnerschaften werden in dem Buch ebenso ausführlich beschrieben wie seine Umtriebigkeit als gefragter Lobbyist und Berater. Der "Genosse der Bosse" ist heute unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender der deutsch-russischen Ostsee-Pipeline. Bevor er von der Welt abtrete, sagte Schröder einmal, müsse die allerletzte Schlagzeile lauten: "Er war immer für eine Überraschung gut!"

Sachbuch

Gerhard Schröder -

Die Biographie

Gregor Schöllgen

DVA, 1040 Seiten, 36 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-10-26 17:26:04
Letzte Änderung am 2015-10-29 20:32:04


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