• vom 03.11.2015, 16:06 Uhr

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Update: 03.11.2015, 17:20 Uhr

Hamid Abdel-Samad

Islamkritik auf Abwegen




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Von Stefan Weidner

  • Hamid Abdel-Samads Buch über Mohammed, bei ihm "Mohamed", zementiert vor allem Klischees.

Von Medina und Mekka (Bild) aus verbreitete sich der Islam im 7. Jahrhundert und entwickelte sich zur Weltreligion.

Von Medina und Mekka (Bild) aus verbreitete sich der Islam im 7. Jahrhundert und entwickelte sich zur Weltreligion.© afp/Mahmud Hams Von Medina und Mekka (Bild) aus verbreitete sich der Islam im 7. Jahrhundert und entwickelte sich zur Weltreligion.© afp/Mahmud Hams

Das neue Buch des vor allem aus dem Fernsehen bekannten, ägyptischstämmigen Publizisten Hamid Abdel-Samad über den Propheten des Islams will sowohl eine "Abrechnung" (so der Untertitel) mit dem geläufigen muslimischen Bild von Mohammed als auch eine Kritik an der historischen Figur Mohammeds sein. Dem idealisierten Mohammed-Bild vieler Muslime setzt Abdel-Samad ein von ihm gezeichnetes, weitgehend negatives Mohammed-Bild entgegen. Dabei überrascht, dass der Autor offenbar überzeugt ist, dem echten, historischen Mohammed, ja sogar seiner psychischen Verfassung auf die Spur gekommen zu sein, obwohl der Prophet im Jahr 632 gestorben ist und es außer dem Koran keine Dokumente über ihn gibt, die bis in seine Lebenszeit zurückreichen.

Im einleitenden Kapitel stellt Abdel-Samad zunächst richtig fest, "dass wir keine eindeutigen historischen Belege haben für das, was er (Mohammed) tatsächlich getan oder gesagt hat. (...) Hinzu kommt, dass man einen Menschen, der im 7. Jahrhundert gelebt und gewirkt hat, nur schlecht nach dem Wissen und den Maßstäben des 21. Jahrhunderts beurteilen kann." Trotz dieser Feststellung unternimmt Hamed Abdel-Samad dann aber genau dies: Er beurteilt den Propheten von heute aus und stützt sich dabei auf die fragwürdigen Dokumente von einst.


Argumentative Kurzschlüsse
Entsprechend mutwillig ist das Ergebnis: Der Befund, zu dem der Autor kommt, lautet, dass Mohammed ein Epileptiker und Psychopath gewesen sei. Das erinnert fatal an die Darstellung Mohammeds als Lügenprophet, Epileptiker und paranoider Despot, wie sie die abendländisch-christliche Auseinandersetzung mit dem Islam seit den ersten Begegnungen und Konfrontationen im Mittelalter geprägt hat und wie sie heute von Islamfeinden und Islamkritikern, zu denen sich auch Abdel-Samad zählt, wiederbelebt wird.

Durchgehend wird das Wirken Mohammeds mit dem Wüten des Islamischen Staates (oder auch mit der Mafia) heute verglichen und aufgrund dessen verurteilt. Und wenn gesagt wird, Mohammed habe sich "radikalisiert", klingt dies, als hätte Abdel-Samad einen Verfassungsschutzbericht über den Propheten geschrieben. Auf den ersten Blick wirken solche argumentativen Kurzschlüsse ausgesprochen suggestiv und einleuchtend; auf den zweiten befremden sie.

Den Islamreformern wirft Abdel-Samad vor, nicht konsequent zu sein, wenn sie sich nur das aus den Mohammed Überlieferungen herauspicken, was uns heute genehm scheint. Abdel-Samad macht sich jedoch selbst einer viel größeren Naivität schuldig. Sein Islam- und Mohammed-Bild verdankt sich genau dem fundamentalistisch-salafistischen Islam, den es bekämpfen will. Der Unterschied zwischen der Mohammed-Darstellung Abdel-Samads und der eines Salafisten besteht nicht im Inhalt, sondern in der Wertung: Abdel-Samad findet verwerflich, was die Salafisten nachahmenswert finden. Beide glauben, es gäbe den wahren Mohammed und sie wüssten, was dieser sei.

"Die Reform des Denkens beginnt, wenn Muslime es wagen, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen und ihn Mensch werden zu lassen", heißt es gegen Ende des Buchs. Man ist geneigt, dem Autor zuzustimmen. Da er jedoch selbst zu sehr vom fundamentalistischen Denken geprägt ist, übersieht der Autor bei dieser Behauptung, dass genau diese menschliche Sicht auf Mohammed die muslimische Wahrnehmung des Propheten die meiste Zeit geprägt hat und vielfach bis heute prägt. Nur deswegen, weil die muslimische Tradition den Propheten mit allen menschlichen Schwächen zeigt, ist es auch Abdel-Samad möglich, mithilfe der muslimischer Quellen Mohammed als kranke Seele zu diskreditieren.

Prophet als Projektionsfläche
Mit Wertungen, Urteilen und Richtersprüchen ist uns jedoch in der Auseinandersetzung mit fragwürdigen Weltanschauungen nicht geholfen. Wir müssten sie vielmehr analysieren, um die Vermessenheit ihres Wahrheitsanspruchs zu entlarven, statt einfach neue Wahrheitsansprüche zu erheben. Erst dann können wir uns aus den Klauen des Radikalismus, gleich welcher Couleur, befreien. Wir warten also weiter auf ein Buch über den Propheten des Islams, das uns aus den Sackgassen des ewigen Pro und Contra befreien könnte und stattdessen Mohammed als das zeigt, was er seit jeher war: eine Projektionsfläche, die nichts anderes zeigt als das, was man auf sie projiziert.

Wer die Wartezeit überbrücken und wirklich etwas über den Propheten lernen will, arbeite sich unterdessen durch die 1000 Seiten der Mohammed-Biographie von Tilman Nagel, die im Gegensatz zu Abdel-Samad vorführt, was kritische Lektüre der Quellen leisten kann.

Sachbuch

Mohamed. Eine Abrechnung

Hamed Abdel-Samad

Droemer, 240 Seiten, 20,60 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-11-03 16:11:05
Letzte Änderung am 2015-11-03 17:20:04


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