• vom 29.11.2015, 10:00 Uhr

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Chronik eines Abstiegs




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Von Bruno Jaschke

  • Der heuer verstorbene US-amerikanische Autor E.L. Doctorow erzählt in seinem letzten Roman, "In Andrews Kopf", ein Leben im Unglück..

E. L. Doctorow (1931-2015) zählte zu den wichtigsten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Foto: Imago/ZUMA Press

E. L. Doctorow (1931-2015) zählte zu den wichtigsten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Foto: Imago/ZUMA Press

Der Kognitionswissenschafter Andrew erzählt einem Psychiater aus seinem Leben. Einem Leben, das von Anfang an unter einem Unstern gestanden ist. Andrew scheint nämlich von Kindheit an Unglück nachgerade magisch anzuziehen: Ein Bussard schnappt seinen Dackel, als der Achtjährige beim Spazierengehen einen Augenblick nicht aufpasst. Als er mit einer Rodel die Straße hinunterfährt, kracht ein Autofahrer beim Ausweichmanöver in einen Laternenpfahl und stirbt. In seinem Erwachsenen-Leben wird’s nicht besser: Bei einer Cocktail-Party auf der Uni wedelt er beim Reden so heftig mit den Armen, dass er eine Professorin k.o. schlägt.

Als ihn der Mann der Professorin zur Rechenschaft ziehen will, lässt Andrew aus Schreck einige volle Wodka-Flaschen auf dessen Fuß fallen, der bricht. Die Tochter, die er mit der Konzertpianistin Martha hat, tötet er, weil er ihr aufgrund eines fatalen Versehens des Apothekers eine falsche Medizin verabreicht hat.



Absurd und fatal

Information

E. L. Doctorow
In Andrews Kopf
Roman. Übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 208 Seiten, 19,60 Euro.


Die große Liebe seines Lebens schließlich kommt am 9. 11. 2001 beim Anschlag auf die Twin Towers ums Leben. Unfähig, die sechs Monate alte Tochter aus dieser Beziehung allein großzuziehen, wendet er sich ausgerechnet an Martha um Hilfe, die wegen des Traumas durch die Tragödie um die Tochter ihre Konzert-Karriere aufgegeben hat und nun mit einem hünenhaften Opernsänger zusammenlebt. Martha nimmt sich des Kindes an, das der Vater nicht wieder sehen wird.

Andrew verschlägt es nach Washington, wo er sich an einer heruntergekommenen Highschool als Lehrer verdingt und durch eine absurde Laune Fatimas einen Studienkollegen wiedertrifft. Der ist inzwischen Präsident der Vereinigten Staaten und gibt ihm einen Job im Weißen Haus, was naturgemäß nicht lange gut gehen kann.

Im Prinzip ist das die ganze Geschichte. Andrew erzählt von verschiedenen Orten aus: Maine, Norwegen, dem Weißen Haus in Washington, einem Kaff in einer nicht näher identifizierbaren Provinz. Die letzte Station ist ein Gefängnis, dessen Standort Andrew anhand der "weichen Luft", den Vogelstimmen und dem "lieblich erdigen Geruch einer seit Urzeiten besiedelten Landschaft" in der europäischen Mittelmeerregion vermutet.

Die Abfolge der Schauplätze allein zeigt, dass wir es mit der Chronik eines Abstiegs und der Biographie eines Gescheiterten zu tun haben. Die Geschichte aber ist ganz bestimmt nicht das, was das Buch trägt. Besonders als gegen Ende hin mit US-Präsident Bush und seinen Einflüsterern Cheney und Rumsfeld die Realpolitik auf den Plan tritt und mit der fiktiven Figur des Andrew interagiert, wird es problematisch.

Trügerischer Schein
Vermutlich geht es aber auch gar nicht darum, eine Geschichte schlüssig zu erzählen. Sondern um das genaue Gegenteil, nämlich Erzählungen grundsätzlich zu misstrauen. Dass der Protagonist mit sich selbst als bestem Anschauungsbeispiel wiederholt das Trügerische des äußeren Scheins herausstreicht, macht ihn auch nicht unbedingt zu einem besonders vertrauenswürdigen Anwalt der Wahrheit.

Vielmehr lebt das Buch von Doctorows bisweilen kühn anmutender, aber letztlich fast immer treffender Metaphorik und besonders seinem gleichermaßen subtilen wie offensiven Humor. Beobachtungen wie das Schild an der Wand eines Diners mit dem Versprechen "Zügige und liebenswürdige Selbstbedienung" oder dass Amerika einen immer wissen lässt, "wie viel Geld die Leute haben", bezeugen ein waches Sensorium für die wichtigen kleinen Alltags-Trivialitäten. Und nicht oft ist das Altern so schön beschrieben wie durch "das Blendwerk seiner weißen Haare und seines Schnurrbarts und seines Anzugs, das sich in der Schaukelstuhlweisheit seiner trüben Augen sammelt".




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Dokument erstellt am 2015-11-26 17:08:06
Letzte Änderung am 2015-11-26 17:55:57



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