• vom 28.02.2016, 12:00 Uhr

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Von Hermann Schlösser

  • Christian Locker spielt im Roman "Setzen! Nicht genügend!" mit den Zeiten.

"Wie kann das sein, dass diese nahen Tage / Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?" So klagte der Wiener Fin-de-Siècle-Lyriker Hugo von Hofmannsthal in seinen berühmten "Terzinen über die Vergänglichkeit".



Der heutige Wiener Autor Christian Locker beantwortet in seinem neuesten Roman, "Setzen! Nicht genügend!", die alte Frage nach dem Vergehen der Zeit auf seine Weise. Eine Gruppe ehemaliger Klassenkameraden trifft sich regelmäßig in einem Lokal. Der philosophisch-literarisch angehauchte Gneringer kommt bei einem dieser Treffen zu früh und begegnet dem einstigen Mitschüler Spurny Wolfgang. Der ist zwar bald nach der Matura unter mysteriösen Umständen ermordet worden, sitzt aber jetzt leibhaftig neben seinem alten Mitschüler.

Gneringer glaubt an eine Halluzination, zumal der unheimliche Gast bald wieder verschwindet. Rätselhaft ist nur, dass nach Spurnys Abgang seine alte lateinische Vergil-Schulausgabe auf dem Wirtshaustisch liegen bleibt - was wohl die Realität der Wiederkehr des Verstorbenen beweist.

So verwirren sich die Zeitbegriffe. Die einstigen Gymnasiasten leben zwar in der Jetztzeit, erfahren aber irritierende Rückblenden - insbesondere ins Jahr 1981, in dem sie maturiert haben. Einmal begegnet der bereits erwähnte Gneringer dem längst verstorbenen Schneider Zuborsky, der in ihm den Schüler von früher erkennt und zugleich Dr. Kreisky für den aktuell amtierenden Bundeskanzler hält. Gneringer sagt zu ihm: "Das Problem könnte sein, Herr Zuborsky, dass Sie nicht wissen, in welcher Gegenwart Sie sich gerade befinden."

Dies ist jedoch nicht nur das Problem des Herrn Zuborsky, sondern die große Frage, die dieser Roman halb ernst, halb verspielt umkreist: In welcher Gegenwart leben wir? Und: Können wir das überhaupt so genau wissen? Im Unterschied zu Hofmannsthal unterstellt Locker, dass die früheren Tage nicht "für immer fort" sind, sondern nach wie vor vorhanden. Das gibt ihm reichlich Gelegenheit, nostalgisch der Zeiten zu gedenken, in denen man in der Schule noch Vergil gelesen, in den Tschocherln geraucht und überall mit Schillingen bezahlt hat - für Liebhaber des Wienerischen durchaus befriedigend.

Information

Christian Locker

Setzen! Nicht genügend!

Roman. Edition Roesner, Krems 2015, 407 Seiten, 26,90 Euro.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-26 14:35:05
Letzte Änderung am 2016-02-26 16:16:24


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