• vom 05.03.2016, 10:00 Uhr

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Bodenständig und schwerelos




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Von Irene Prugger

  • Mieze Medusa erzählt elf neue Geschichten aus dem Hier und Heute.

Originelle Wortkreationen: Mieze Medusa. - © apa/Hans Klaus Techt

Originelle Wortkreationen: Mieze Medusa. © apa/Hans Klaus Techt

"Mein Zimmer ist das Gegenteil von meiner Welt. Klein und spartanisch, mit Wänden dort, wo meine Welt erst beginnt, eine Welt, die sich, davon erzählen die Alten, verändert hat. Früher war sie nicht so barock ausgestattet mit Knotenpunkten, zum Bersten voll mit Code-Resten, Kopier- und Netzwerkfehlern, ausgefüllt mit Schlampereien, die mir den Zugriff auf Inhalte gestatten."



So erzählt ein Hacker (eine Hackerin) in Mieze Medusas neuem Geschichtenband von seiner (ihrer) Tätigkeit. Genau beobachtend und kritisch-subversiv ist auch die Schreibweise der Autorin. In zeitgemäßen Ich- bzw. Wir-Erzählungen hackt sie sich in elf Lebensepisoden ein, bei denen außer Hackern u. a. Mobber, Fußpflegerinnen, Abteilungsleiterinnen, Forstarbeiter, Museumsaufseher, Schäferinnen und Katzenliebhaber im Mittelpunkt stehen.

Der richtige Ton

Dass die 1975 geborene Mieze Medusa von der literarischen Abteilung "Spoken Word" kommt und Pionierin der österreichischen Poetry-Slam-Szene ist, merkt man ihrer Erzählweise an. Erfrischend unbeschwert und dennoch stilistisch souverän sind ihre Texte, immer wieder lassen originelle Wortkreationen innehalten und motzen auch Geschichten mit bereits bekanntem Grundsetting aktuell auf, bringen unerwartete (Rede-)Wendungen zum Lachen oder zum Staunen. Auch für Nachdenklichkeit, Traurigkeit, zerbrochene Hoffnungen und das Scheitern an überzogenen Erwartungen findet Mieze Medusa immer den richtigen Ton.

Bei den meisten dieser Geschichten wird der konventionelle Rahmen gesprengt, versuchen die ProtagonistInnen, die Welt weiter zu machen, und sei es nur mit einem Schritt aus dem eigenen Schatten. Zum Beispiel sollen ungewöhnliche Maßnahmen wieder Kreativität in einen als lahm empfundenen Büroalltag bringen. Die Fußpflegerin stellt in der Geschichte Nummer zehn noch Fragen ans Universum, in der "Bonustrack"-Geschichte Nummer elf, "Nichts. Nichts. Nichts. Ein Sternchen.", geht die Lesereise direkt ins Weltall.

Die Reiseberichterstatterin mit dem Gratisticket soll auf ihrem 14-tägigen Space-Shuttle-Trip zum Mond einen Blog betreiben. Die Checkliste empfiehlt Unerwartetes: Spitzenunterwäsche für eventuellen Sternenstaubsex. "Den Sport-BH können Sie zuhause lassen. Sie wissen schon: Schwerelosigkeit."

Zudem sollen noch wetterfeste Trainingsanzüge, Kopfwehtabletten und der David Bowie-Song "Major Tom" mit ins Bordgepäck. Das hätte die angeworbene Bloggerin doch ein wenig stutzig machen sollen, aber sie hat ja nicht einmal die AGBs, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, gelesen. Zum Glück für die Leserschaft, die dadurch in den Genuss einer herrlich abgedrifteten Universumreise kommt.

Information

Mieze Medusa

Meine Fußpflegerin stellt Fragen an das Universum

Erzählungen. Milena Verlag, Wien 2015, 156 Seiten, 17,90 Euro.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-04 16:26:07
Letzte Änderung am 2016-03-04 16:47:56


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