• vom 12.03.2016, 15:00 Uhr

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Literatur

Zwischen Zweifel und Verzweiflung




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Von Heimo Mürzl

  • "Die Freien", Willy Vlautins Roman über die Verlierer und Verlorenen der amerikanischen Gesellschaft.

Gute Literatur soll keine Meinungen verkaufen, sondern Welt beschreiben und zur Diskussion stellen: Tschechows Motto scheint für Willy Vlautin zugleich Anspruch und Gesetz zu sein. Unprätentiös, nüchtern, mitunter fast pragmatisch, aber stets mit Anteilnahme und ganz nah an der Lebenswirklichkeit seiner Protagonisten schreibt er Geschichten über Verlierer und Verlorene der amerikanischen Gesellschaft.

Im Mittelpunkt von "Die Freien", dem mittlerweile vierten Roman des in Reno, Nevada geborenen und auch als Sänger und Songschreiber der Folkrockband Richmond Fontaine bekannten Autors Willy Vlautin stehen drei einfache Menschen und ihr Überlebenskampf in einer archetypischen amerikanischen Kleinstadt.


Der Irak-Veteran Leroy Kervin ergibt sich lethargisch seinem Kriegstrauma und dämmert in einer Wohngruppe für Behinderte illusionslos vor sich hin. Freddie McCall wiederum schlägt sich mit mehreren Jobs herum, um die Behandlungskosten seiner behinderten Tochter bezahlen zu können. So verrichtet er auch seinen Nachtdienst im Wohnheim von Leroy, als dieser versucht, sich das Leben zu nehmen.

Freddie rettet ihn, und Leroy kommt zur Pflege in das Krankenhaus, in dem die Krankenschwester Pauline verzweifelt versucht, die junge, von Drogen und Missbrauch zerstörte Patientin Jo zu retten. Pauline versorgt nach der Arbeit ihren verhaltensgestörten und an Demenz leidenden Vater und vereinsamt immer mehr. Leroy wird von fiebrigen Wachträumen gebeutelt und Freddie leidet nicht nur unter der Last der kaum zu bewältigenden Schulden, sondern auch darunter, dass ihn seine Frau verlassen hat.

Für die Protagonisten dieses Romans klingt das Versprechen, dass jede und jeder es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schaffen kann, wenn sie oder er nur hart genug arbeitet, wie eine gnadenlose Lüge. Leroy, Freddie und Pauline sind Randfiguren eines American Way Of Life, der sich längst in einer prekären Schieflage befindet. Sie versuchen sich zu arrangieren, bemühen sich, Würde und Haltung zu bewahren bei ihrem Kampf um ein wenig Glück und Wärme innerhalb jenes Landes, das Willy Vlautin in seiner ganzen Unbarmherzigkeit und Trostlosigkeit beschreibt.

Die Nüchternheit, mit der dieser Autor literarisch zu Werke geht, ist ebenso beeindruckend wie die Empathie, die er diesen zwischen Zweifel und Verzweiflung hin- und hergerissenen Menschen angedeihen lässt. Mit einfachen und klaren Sätzen charakterisiert der Autor seine Romanfiguren, der lakonische Duktus eines Raymond Carver scheint immer wieder durch. Der genaue Blick auf die unverwechselbaren Lebensläufe und das Gespür für die Sorgen, Sehnsüchte und Nöte seiner Protagonisten machen Vlautin zum Chronisten der amerikanischen Unterschicht und seinen Roman zu einem bewegenden Fanal der amerikanischen Gegenwart.

Wenngleich die Lebensentwürfe seiner Figuren bis in die Grundfesten erschüttert werden, sie ständig scheitern und die entstandenen Blessuren zwar heilen, aber lebenslänglich Narben hinterlassen, gerät der Roman dennoch nie zu einem sozialromantischen Unterschichtenlamento. Zu scharf, klar und hellsichtig zeichnet Vlautin den Status Quo und die Schattenseiten des oft gepriesenen amerikanischen Traumes.

Entlang der Biografien seiner Antihelden beschreibt Vlautin aufrüttelnd, beklemmend und anrührend, wie der amerikanische Traum angesichts eines immer aggressiver agierenden Kapitalismus die gesellschaftliche Balance verliert und Schritt für Schritt zum Albtraum wird.

Trotz aller Tragik der Schicksale und scheinbaren Hoffnungslosigkeit gelingt es Willy Vlautin jedoch, seinen Romanfiguren eine authentische Stimme zu geben, ihnen Leben einzuhauchen, ihnen trotz ihrer Schwächen, Ängste und Sorgen Respekt entgegenzubringen - und sie in ihren nimmermüden und aufrichtigen Bemühungen letztlich als kleine Helden dastehen zu lassen. Helden der anderen Art.

Willy Vlautin

Die Freien

Roman. Übersetzt von Robin Detje. Berlin Verlag, 2015, 320 Seiten, 22,70 Euro.




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Dokument erstellt am 2016-03-10 17:08:03



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