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Update: 10.09.2016, 07:30 Uhr

Literatur

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Von Gerald Schmickl

  • Viele zeitgenössische Romane blicken in die Zukunft - und fast alle sehen sie schwarz. Ein Lektüre-Leitfaden durch die Dystopien unserer Tage.



Stop and Go: Deutschsprachige Untergangs-Romane 2016 in Ampelfarben . . .

Stop and Go: Deutschsprachige Untergangs-Romane 2016 in Ampelfarben . . .© Schmickl Stop and Go: Deutschsprachige Untergangs-Romane 2016 in Ampelfarben . . .© Schmickl

Vor oder zurück - das ist die Frage: Wohin schauen Schriftsteller? Wohin sollen sie schauen? Für den Ukrainer Juri Andruchowytsch gibt es darauf nur eine Antwort: "Literatur, wenn sie ernst genommen werden soll, agiert an der Schwelle zur Zukunft." Franz Kafka sah das ähnlich, war sich "seiner" Sache aber nicht so sicher: "Kunst ist ein Spiegel, der ,vorausgeht‘ wie eine Uhr - manchmal."

Der deutsche Autor Navid Kermani hält von derlei prophetischem Gehabe wenig. Für ihn sind Schriftsteller "qua Beruf dafür zuständig (. . .), die Verluste zu markieren. Schriftsteller haben in der Regel kein rechtes Sensorium für das Neue, sie stehen ganz am Ende des Zugs und schreiben auf, was wir hinter uns lassen."

Gerald Schmickl, geboren 1961, ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage der "Wiener Zeitung" und Autor von Romanen, Sachbüchern und Essays.

Gerald Schmickl, geboren 1961, ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage der "Wiener Zeitung" und Autor von Romanen, Sachbüchern und Essays. Gerald Schmickl, geboren 1961, ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage der "Wiener Zeitung" und Autor von Romanen, Sachbüchern und Essays.

Information

Karen Duve
Macht
Roman. Verlag Galiani, Berlin 2016, 414 Seiten, 22,70 Euro.

Manfred Rumpl
Dieser Tage
Roman. Picus Verlag, Wien 2016, 279 Seiten, 24,- Euro.


Thomas von Steinaecker
Die Verteidigung des Paradieses
Roman. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2016, 411 Seiten, 25,70 Euro.

Was also: Verkünder oder Bewahrer?

Zur Zeit, so hat man den Eindruck, entscheiden sich die meisten für einen Blick nach vorne, entwickeln seherische Fähigkeiten für das, was uns bevorstehen könnte. Manche sehr konkret, manche eher vage. Optimistisch ist niemand. Es überwiegen Untergangsvisionen, Untergangsängste - auch bei so luziden Denkern wie dem Wiener Essayisten Franz Schuh: "Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ich fürchte Massenelend. Ich fürchte den Zusammenbruch." Wobei er hofft, nicht Recht zu behalten: "Ich gehöre nicht zu den Propheten, die unglücklich sind, wenn ihre Prophezeiungen nicht eintreffen. Es gibt ja nicht wenige Schöngeister, die einen Sadismus an den Tag legen und sich nur wünschen, dass die ganze Scheiße endlich explodiert. Aber so ein Wunsch kommt mehr aus der Psyche als aus der Ana- lyse."

Blut und Dreck

Auch der bayerische Schauspieler und Schriftsteller Josef Bierbichler sieht deftig schwarz: "Was jetzt kommt, das wird Blut und Dreck sein. Da war das, was bisher passiert ist, noch gar nichts."

Der Schweizer Autor Jonas Lüscher hat so einen Punkt ausgelotet, an dem es blutig & dreckig wird - und wohliges Dahinleben ins Desaströse kippt. Er zeigt in seiner (Debüt-)Novelle "Frühling der Barbaren" (2013) junge englische Investmentbanker, die in einem tunesischen Wellness-Resort ausgelassen & verschwenderisch eine Hochzeit feiern bzw. feiern wollen. Am Vorabend der Zeremonie stürzt das britische Pfund ab - und in der Früh ist die Währung bereits komplett wertlos. Als die verwöhnten Schnösel gewahr werden, dass sie buchstäblich nichts mehr in der Hand haben - und die Tunesier ihnen den Zugang zu allen Luxusanlagen verwehren, reißt die dünne Decke der Zivilisation. Rasch werden aus den vormals harmlosen Börsenhaien echte Raubtiere - und es bleibt in der Folge nicht beim Schlachten von Kamelen . . .

Bei dem in Turin lebenden Autor Davide Longo ist es nicht Großbritannien, sondern Italien, das kollabiert. In seinem Roman "Der aufrechte Mann" (2012, im Original 2010) ist ebenfalls kein Geld mehr im Umlauf, und Banden durchziehen das devastierte Land, auf der Suche nach Resten von Verwertbarem. Man sieht das Schicksal eines Intellektuellen, des ehemaligen Universitätsprofessors und Schriftstellers Leonardo, der lange nicht wahrnehmen will, was geschieht, und schließlich einer Bande von Jugendlichen in die Hände fällt, die ihn in einen Käfigwagen sperrt und mit sich führt, zuerst gemeinsam mit einem Arzt, dann mit einem Elefanten.

Seine vormaligen Fähigkeiten nützen Leonardo nicht mehr viel, wie ihm sein ärztlicher "Zellengenosse" klarzumachen versucht: "Sie stellen unpassende Fragen. Fragen, die der Vorstellung von einer Welt entstammen, die es nicht mehr gibt. Dabei hätte Ihnen Ihr Dasein als Schriftsteller dabei behilflich sein können, sich andere mögliche Welten vorzustellen. Das ist eine davon."

Sieg der Islamisten

Eine andere mögliche Welt hat Michel Houellebecq in seinem, durch die Anschläge auf "Charlie Hebdo" zu trauriger Berühmtheit gelangten Roman "Unterwerfung" (2015) imaginiert. Darin kommen die Islamisten in Frankreich auf weitgehend unblutigem Wege an die Macht - wobei die Perfidie dieses scharfsinnigen Romans, der ebenfalls rund um einen Intellektuellen, den Literaturwissenschafter François, gruppiert ist, nicht in horriblen Szenen besteht, sondern in dem landläufigen Opportunismus, mit welchem sich ein Großteil der Geistesmenschen mit den neuen Verhältnissen arrangiert.

Derart sanftmütig und vergleichsweise konsensual geht es in dem schon vom Titel her final unbarmherzigen Roman "Das Ende der Welt" des Algeriers Boutalem Sansal (der Ende April auf Deutsch erscheint) nicht zu. Darin hat sich im Jahre 2084 der Islam komplett durchgesetzt und beherrscht als einzige Religion den gesamten Planeten. Pluralismus und Liberalismus sind ebenso verschwunden wie jegliche manifesten Erinnerungen an hedonistische oder konsumistische Lebenswelten.

Erschreckender noch als diese totalitäre literarische Dystopie ist der Umstand, dass der algerische Autor sie selbst für gar kein phantastisches Schreckgespenst hält, sondern - nach Erfahrungen in seinem Heimatland - für tatsächlich möglich, ja sogar für wahrscheinlich. In einem Gespräch mit der "ZEIT" hat er kürzlich seine durch und durch pessimistische Sicht dargelegt: "Jetzt erwacht der Islam. Er will den Planeten erobern. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man die Sicherheitslage im Griff habe. Die Gesellschaften werden fallen, eine nach der anderen. Zuallererst die westlichen, in denen die Leute ein komfortables Leben leben und das Leid und das Elend schwer ertragen."


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-14 16:20:08
Letzte Änderung am 2016-09-10 07:30:33


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