• vom 18.06.2016, 16:00 Uhr

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Wenn Steine sprechen




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Von Peter Jungwirth

  • Reinhard Wegerth erzählt Geschichten von Katastrophen aus exzentrischer Perspektive.



Am Ende der Geschichte der Menschheit wird man möglicherweise feststellen, dass nicht das Licht, sondern die Finsternis den längeren medialen Schatten geworfen hat. Als Indiz für diese düstere Prognose könnte man Reinhard Wegerths jüngstes Buch nehmen. "Als es geschah" lautet dessen programmatischer Titel, und es beinhaltet 16 Beschreibungen von "Katastrophen in friedlicher Umgebung, die in jüngster Vergangenheit durch Menschen ausgelöst wurden" und "weltweit Schlagzeilen" gemacht haben.

Wer sein Buch so betitelt und auf den Buchumschlag plakativ eine Weltkarte setzen lässt, auf der die global verstreuten Unglücksorte mit Explosionssymbolen markiert sind, weckt sowohl Befürchtungen wie auch Erwartungen.

Information

Reinhard Wegerth

Als es geschah

Stimmenberichte. Sisyphus Verlag, 2016, 123 Seiten, 18 Euro.

Reinhard Wegerths Buch, so viel zur Orientierung, ist aufklärererisch, nicht voyeuristisch. Und die faktentreuen Berichte von Fällen aus den Jahren 1977 bis 2011 lesen sich dennoch spannend: Neben den beiden schwersten Unfällen in der Geschichte der zivilen Luftfahrt - dem Terroranschlag in New York und dem Zusammenprall zweier startender Jumbojets am Flughafen von Teneriffa - sind es vor allem Schiffsuntergänge, bei denen Wegerth, mit gutem Gespür für Symbolik, jene Ursachen untersucht, die zum Desaster geführt haben.

Wobei kundige Exkurse dem Bekannten oft neue Blickachsen und interessante Parallelen hinzufügen und die Palette der Katastrophen kreativ gefächert ist: Nebst sehr langsam oder sehr schnell tötenden Atombombentests und Lawinen, fatal fehlgeschlagenen Raketenstarts und unheilschwangeren "Liebesparaden" findet zum Beispiel auch der - auf die Reste der Berliner Mauer gemalte - "Bruderkuss" zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew einen Platz.

Zu sehr um Originalität bemüht wirkt allerdings die Form der Texte, die durchgängig aus einer exzentrischen Perspektive erzählt sind: Direkt zu Wort kommen darin nie Menschen, sondern nur die von den Katastrophen betroffenen Dinge oder die damit verbundenen Vorgänge. Von "9/11" etwa berichtet, naturgemäß unempathisch und staubtrocken, der riesige Schuttberg, zu dem die Zwillingstürme geworden sind. Und von der Rinderseuche BSE, die 1986 in England grassierte, berichtet - kulturhistorisch weit ausholend, naturgemäß unsympathisch und dazu noch rechtschaffen besserwisserisch - das Töten selbst: "Beim Töten der Rinder, größer und stärker als ihr, war anfangs Mut nötig und Respekt dabei, habt deshalb die Rinder, besonders die Stiere, und meinen Ablauf, das Töten, schon in der Steinzeit auf die Wände von Höhlen gemalt."

Das Resultat ist eine Blutleere im Wegerthschen Erzählkosmos, in dem - pars pro toto - scheinbar nicht das eiskalte Wasser des Ärmelkanals, sondern schlicht Schlamperei in die am 6. März 1987 mit geöffnetem Bugtor in See gestochene "Herald of Free Enterprise" eindrang, sie zum Kentern brachte und 200 Menschen in den Tod riss.

Im Grunde stimmt das zwar genau so, aber, derart steinschwer erzählt, raubt einem das eher den Mut, als zum Schreien, Schwimmen oder sonstiger möglicher Gegenwehr zu motivieren.

Wer Rupert Neudeck bewundert hat oder sich von Stéphane Hessels "Empört Euch" begeistern ließ, dürfte mit "Als es geschah" auf dem falschen Dampfer sein. Fans von Thomas Bernhard könnten sich aber gut bedient fühlen. Wobei Reinhard Wegerths Prosa jener des großen österreichischen Misanthropen stilistisch freilich etwas hinterherhinkt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-16 17:38:07
Letzte Änderung am 2016-06-16 17:57:50


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