• vom 19.06.2016, 10:30 Uhr

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Eine Gesellschaft im Zerrspiegel




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Von Bernadette Conrad

  • Der israelische Schriftsteller David Grossman nimmt seine Heimat ins Visier - und holt zu einer so gnadenlosen wie gewitzten Publikumsbeschimpfung aus.

David Grossman, geb. 1954 in Jerusalem. Foto: Peter-Andreas Hassiepen

David Grossman, geb. 1954 in Jerusalem. Foto: Peter-Andreas Hassiepen David Grossman, geb. 1954 in Jerusalem. Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Nicht, dass David Grossman es seinen Leserinnen und Lesern sonst leicht machen würde: In "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (2009) hatte er die Angst der Mütter ins Zentrum gestellt, deren Kinder im Krieg kämpfen; in "Aus der Zeit fallen" (2013) hatte er sich dem gestellt, was ihm selbst widerfahren ist: dem Verlust seines Sohnes, der im Krieg gefallen ist. Die Bücher des heute 62-jährigen Israelis sind stets so sensible wie harte Bücher.

Konfrontation

Information

David Grossman

Kommt ein Pferd in die Bar

Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser, München 2016, 252 Seiten, 20,50 Euro.

Mit Dovele Grinstein, einem 57-jährigen Stand-up-Comedian, lädt Grossmans neuer Roman, "Kommt ein Pferd in die Bar", zu einer Publikumsbeschimpfung ein. Auch für Leser, die auf harte Konfrontationen gefasst sind, ist dies nicht leicht zu verkraften. Der Roman spielt auf einer Bühne und lebt von dem Drama, das sich zwischen Dovele, dem Komödianten, und seinem zunehemnd fassungslosen Publikum abspielt. In einer besessenen One-Man-Show verhöhnt und verspottet Dovele einzelne Zuschauer; verwebt diese Abwertungen aber mit einer so intelligenten Analyse des von Gewalt und Aggression gezeichneten Landes Is-rael, dass für seine Gegenüber fast keine Distanzierung möglich ist.

Als Leser sitzt man mit im Publikum. "Sie haben die Stirn, Sie haben echt die Frechheit, mir einfach so vor den Latz zu knallen, dass ich hier auf ’ner Bühne in Netanja bin? Ohne Schmu? Ich meine, ohne kugelsichere Weste, total ungeschützt?" Dovele Grinstein verhöhnt das Doppelkinn der einen Frau, die Körpergröße einer anderen, geißelt das saturierte Publikum erbarmungslos. Dies ist hart im Nehmen - eine Zeitlang.

Erzählt ist das Buch aus der Perspektive eines Zuschauers: Dovele hatte ihn eingeladen und um seine Meinung zu dem Abend gebeten. Je weiter die Show voranschreitet, desto stärker spürt der pensionierte Richter, "dieser Mann führte mit mir noch ein undurchschaubares zweites Gespräch, und ich war zu langsam, es richtig zu begreifen". Nach und nach erinnert er sich an die Rolle, die Dovele vor Jahren in seinem eigenen Leben gespielt hat. Der verrückte Dovele, der auf den Händen lief, wenn alle eigentlich im Gleichschritt marschieren sollten. Dovele, den er dann selbst im Stich gelassen hat.

Auf der Bühne macht Dovele Grinstein seine Zuschauer unmerklich zu Zeugen seines eigenen Lebens. Hatte er sie anfangs noch mit seinen Hasstiraden und geistreichen Witzen fesseln und faszinieren können, wenden sie sich in dem Moment ab, wo sichtbar wird: Hier nutzt jemand die Oberfläche der gewitzt-aggressiven Comedy, um darunter die verzweifelte Misere seines Innenlebens zu offenbaren. Er zerrt die fürchterliche Geschichte ans Licht, wie er als junger Soldat beim Militär zu einer Beerdigung abkommandiert wurde und nicht wusste, wer gestorben war.

Selbstentblößung

Er kasteit und prügelt sich selbst vor dem immer schreckensstarreren Publikum und führt letztendlich mitten unter ihnen das Drama der zweiten Generation nach dem Holocaust auf, die zwischen dem Trauma der Eltern und dem der erneuten Hochrüstung des Landes gefangen ist.

Dieses qualvolle Theater ist, wie man bald versteht, eher masochistisch als sadistisch; es hält hier jemand in seiner Not und Selbstentblößung der israelischen Gesellschaft den Spiegel vor. Darf einer das? Viele Zuschauer verlassen den Raum. Einige aber bleiben - und halten das Dokument schrecklichen Selbsthasses aus.

Auch das Buch stellt diese Frage: Wieviel erträgst du? Wo sitzt du in diesem Publikum? David Grossman hat ein schwer auszuhaltendes Buch über - und an eine gewaltinfizierte Gesellschaft geschrieben.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-16 17:41:06
Letzte Änderung am 2016-06-16 17:57:13


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