• vom 20.08.2016, 12:00 Uhr

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Befreiung aus religiösen Fesseln




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Von Gunther Neumann

  • Die US-amerikanische Autorin Deborah Feldman erzählt von ihrem Ausbruch aus der Enge einer Parallelgesellschaft.

Deborah Feldman, Jahrgang 1986.

Deborah Feldman, Jahrgang 1986.© Mathias Bothor Deborah Feldman, Jahrgang 1986.© Mathias Bothor

Fundamentalismus klingt so exotisch wie bedrohlich. Mit Schauer hören wir von etwas Fremdem, zumindest längst Überwundenem, das in unsere aufgeklärte Modernität einbricht. Doch nicht aus einem salafistischen Gottesstaat berichtet die Amerikanerin Deborah Feldman, sondern von einer jüdisch-chassidischen Gemeinschaft in Brooklyn. Obgleich unmittelbar gegenüber Manhattans East Village gelegen, ist das Viertel Williamsburg ein anderes New York.

Die Satmarer

Die Satmarer, eine besonders orthodoxe Gemeinde mit gut 100.000 Mitgliedern, leben zwischen modischen Hipstern nach strengsten Regeln und sprechen Jiddisch. Den Staat Israel lehnen sie als nicht von Gott geschaffen ab. Traumatisiert vom Holocaust, wird dieser als Strafe Gottes für jede Assimilation interpretiert. Englisch ist konsequenterweise eine unreine Sprache.

Die junge Autorin erzählt leichtfüßig von ihrer Kindheit zwischen den Gespenstern der Vergangenheit und absurd anmutenden Begebenheiten einer eng reglementierten Gegenwart. Über bekannte Äußerlichkeiten hinaus - Männer mit Schläfenlocken, kahlgeschorene Frauen mit Perücken - erschließt uns Feldman die Vorschriften und die innere Logik der Gemeinschaft: "Ich habe nur überlebt, damit du geboren werden konntest", sagt die Großmutter, die Deborah aufzieht. Die Überlebenden sind verantwortlich, dass möglichst viele Nachfolgende zu guten Juden heranwachsen, um dem Überleben Sinn zu verleihen. Die meisten arrangieren sich und wollen glauben, glücklich zu sein, meint Feldman. Gleichzeitig verkörpert die Schtetl-Mentalität inmitten der hedonistischen Großstadt auch - wenngleich zweifelhafte - spirituelle Werte.



Als Jugendliche verschafft sich Feldman heimlich Zugang zu Büchern, beginnt Englisch zu lernen und zu fragen: "Kann ich selbst Protagonistin meiner eigenen Geschichte werden?" Bei der beginnenden Emanzipation liegt eine Einschränkung nach der anderen. Mit 17 wird ihr das Kopfhaar abrasiert, und sie geht weitgehend unaufgeklärt in eine arrangierte Ehe. Nachdem sie mit 19 Jahren einen Sohn zur Welt bringt, beschließt sie, ihm nicht das angedeihen zu lassen, was sie selbst erlebt hat. Mit 22 bricht sie aus, zieht nach Manhattan, auch, weil ihr Sorgerechtsstreit dort eher Aussicht auf Erfolg hat als in Brooklyn.

Information

Deborah Feldman

Unorthodox

Autobiographie. Deutsch von Christian Ruzicska. Secession Verlag, Berlin 2016, 319 Seiten, 22,60 Euro.

Anfeindungen

Sie ist bereit, von Familie und Gemeinschaft geschnitten zu werden, aber nicht, auch ihren Sohn zu verlieren. Langsam befreit sie sich aus Schuldgefühlen, beginnt zu schreiben, findet Worte für Unaussprechbares wie Sexualität oder Scham. Sie setzt sich damit massiven Anfeindungen der ultraorthodoxen Gemeinde aus, die ihr auch Ungenauigkeiten - um nicht zu sagen: Lügen - über ihre Familie unterstellen. Jede Abtrünnige wird diffamiert und bedroht.

Auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln fährt Feldman nach Osteuropa und findet gerade in Berlin eine neue Heimat. Sie musste weg aus der Welt der Satmarer, weg auch aus der gleichfalls auf ihre Vergangenheit fixierten Welt ehemaliger Chassiden.

Selbst in Israel, wo die ultra-orthodoxen "Haredim" ("Gottesfürchtige") zehn Prozent der Bevölkerung stellen und keine säkulare Erziehung bekommen, wird die Abschirmung schwieriger. Manche haben zwei Handys: ein "koscheres" und ein geheimes Smartphone mit Internetzugang. Doch sich zu lösen, bleibt nicht leicht: Von der Familie verstoßen und ohne weltliche Jugendfreunde bleibt man ganz auf sich allein gestellt.

Oft zieht uns eine Geschichte in den Bann, manchmal die Sprache eines Buches. Selten kommt beides zusammen. "Unorthodox" ist so ein glücklicher Fall; er wurde in den USA zum Millionen-Bestseller und, vom aus Wien stammenden Verleger Christian Ruzicska selbst übersetzt, nun auch bei uns. In oft heiterem Ton macht Deborah Feldman in dieser atemberaubenden Geschichte greifbar, wie Mechanismen einer Parallelgesellschaft inmitten einer Weltstadt funktionieren. Und wie eine junge, außergewöhnliche Frau es schafft, durch Entschlossenheit und Bildung ihre Individualität gegen alle Widrigkeiten zu leben.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-18 17:41:15
Letzte nderung am 2016-08-18 17:48:38



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