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Update: 22.10.2016, 15:19 Uhr

Literatur

Philosophieren am Tresen




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Von Peter Jungwirth

  • Der Schweizer Autor Alex Capus stellt in seinem neuen Roman manch Daseinsfrage - und erweist einem Filmklassiker von Frank Capra seine Reverenz.



Alex Capus, Jahrgang 1961, lebt in Olten in der Schweiz.

Alex Capus, Jahrgang 1961, lebt in Olten in der Schweiz.© Schiffer-Fuchs/ullsteinbild via Getty Images Alex Capus, Jahrgang 1961, lebt in Olten in der Schweiz.© Schiffer-Fuchs/ullsteinbild via Getty Images

Die Ähnlichkeiten zwischen dem Autor Alex Capus und Max, dem Protagonisten des Romans "Das Leben ist gut", sind kaum zu übersehen: Beide hatten als Schriftsteller bereits großen Erfolg, beide sind Mitte 50, beide leben seit Jahrzehnten in der gleichen Schweizer Kleinstadt. Und beide sind, das spielt im Roman eine Rolle, Scheidungskinder. Das wären genug Gemeinsamkeiten, um Max als Alter ego von Alex Capus kenntlich zu machen.

Aber es finden sich, darauf haben einschlägig Kundige hingewiesen, noch weitere Parallelen: Alex Capus betreibt die "Galicia Bar", Max besitzt die "Sevilla Bar" - und sowohl über dem realen wie auch über dem fiktiven Tresen hängen Toros, also Köpfe getöteter Kampfstiere. Und noch eine weitere Duplizität: Die Frau von Alex Capus ist Professorin für Strafrecht; und die Frau von Max, Tina, ebenfalls.

Man sollte sich von diesen verblüffenden Ähnlichkeiten nicht täuschen lassen - und die Figur nicht mit dem Autor verwechseln. Man könnte sonst die von Alex Capus mit feiner Klinge vorgetragene Kulturkritik für einen reaktionären Rundumschlag von Max halten.

Ganz überraschend oder gar zufällig sind all diese Ähnlichkeiten jedenfalls nicht. Denn Capus hat seine eigene Familie bereits mehrmals als Quelle der Inspira-tion benutzt: Im Roman "Leon und Luise" ist der Quai des Orfèvres, wo sich der Sitz der Pariser Kriminalpolizei befindet und bei der Capus’ Großvater tätig war, ein Schauplatz. Und in seinem auf Fakten basierenden Buch "Fast ein bisschen Frühling" geht seine damals noch junge Großmutter, ohne dies zu wissen, mit zwei durchaus charmanten Bankräubern und Mördern spazieren, deren spektakuläre Verbrechen und tragische Leben Capus ein halbes Jahrhundert später eindrucksvoll und subtil nachzeichnet.

Nah am eigenen Leben

So nah dran am eigenen Leben wie in seinem jüngsten Roman war Alex Capus allerdings noch nie. Bisher zufriedene Leser seiner Bücher sind ihm vermutlich deshalb dankbar, dass schon der Titel, "Das Leben ist gut", nahe legt, dass das Buch, das sie eben lesen, am Ende wahrscheinlich nicht schlimm ausgehen wird.

Aber kann man sich dessen, selbst wenn man einen Autor - oder überhaupt einen Menschen, zum Beispiel die eigene Frau - schon Jahrzehnte lang kennt, auch wirklich sicher sein?



Genau das fragt sich auch Max, gleich am Beginn von "Das Leben ist gut". Tina, seine Frau, hat eine Gastprofessur an der Sorbonne erhalten. "Paris", sagt sie, "eine solche Chance kommt nicht wieder." Und es sei ja nur für ein Jahr. Im Übrigen würde sie jede Woche für drei Tage nach Hause kommen - zu ihm, mit dem sie 25 Jahre lang fast täglich im selben Bett geschlafen hat. Und zu den drei gemeinsamen Söhnen, die zwar schon Rasierschaum benutzen, aber alle noch im Haus wohnen.

Information

Alex Capus: Das Leben ist gut. Roman. Hanser, München 2016, 239 Seiten, 20,60 Euro.

Die Gefühle von Max sind dennoch zwiespältig. Einerseits: "Ich freue mich für sie. Wirklich." Andererseits: "Wahr ist aber auch, dass kein Mann auf Erden im tiefsten Grund seiner Seele wirklich verstehen kann, wieso die Frau nicht einfach zu Hause bleiben, zufrieden aufs eheliche Heim achtgeben und die gemeinsame Brut großziehen kann." Das klingt zwar sehr verständlich und wahrhaftig. Einerseits. Wahr ist aber auch, dass viele dieses Unverständnis von Max als Anachronismus und Zumutung empfinden könnten - und ein Buch mit dem Titel "Das Leben ist gut" als Provokation.

Und, ja, dieses Buch ist tatsächlich eine Provokation. Allerdings eine sehr gelungene. Denn Max, der unfreiwillige Strohwitwer, den man vier Tage lang vom frühen Morgen bis in die späte Nacht durch seinen Alltag begleitet, ist, naturgemäß, ein ebenso scharfer Beobachter, aufmerksamer Zuhörer und exzellenter Erzähler wie Alex Capus selbst. Und seine Sevilla Bar (in einem einzigartigen Haus mit höchst abwechslungsreicher Geschichte gelegen) ist ein idealer Ort, um allen Arten von Menschen zu begegnen.

Ort der Begegnung

Max kennt seine Stammgäste, er plaudert gern mit ihnen, aber meist hört er einfach nur zu. Und spielt zwischendurch, wenn der Laden nicht brummt, auch einmal eine Partie Billard.

Herzlich willkommen ist ihm übrigens jeder Gast - nur Geizhälse und Scheinheilige sind explizit ausgenommen. Human sind auch die Öffnungszeiten der Bar: Um 17 Uhr wird geöffnet, kurz nach Mitternacht geschlossen, da bleibt genug Zeit, um morgens mit den Söhnen zu frühstücken, jeden einzeln beim Abschied bis zur Tür zu begleiten, und tagsüber kurz nach Deutschland zu fahren, und einen neuen Toro zu besorgen. Denn der alte, aber das ist eine lange Geschichte, ist eines Tages weg.

Und es bleibt Max auch genug Zeit, um sehr oft an seine anmutige, kluge und treue, nur leider zuweilen auch sehr störrische Tina zu denken. Und ihr einen Stapel Postkarten zu schreiben - das allerdings erst nächtens, im Bett, und dabei schon sanft in Morpheus Armen liegend. Im Wachzustand beschränkt sich Max auf einen Telefonanruf täglich - und auch zu dem ringt er sich erst dann durch, wenn er es gar nicht mehr aushält. Typisch Mann, könnte man sagen. Die regelmäßigen Anrufe und die prompten und ebenso spannenden wie höchst informativen E-Mails kommen von Tina.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-20 19:08:11
Letzte Änderung am 2016-10-22 15:19:18


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