• vom 14.01.2017, 10:00 Uhr

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Das Werk der Rache




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Von Otto A. Böhmer

  • Der deutsche Schriftsteller Friedrich Ani erzählt eine Missbrauchsgeschichte aus der Sicht eines Täters, der früher selbst Opfer war.

Großer Seeleninspizient: Friedrich Ani.

Großer Seeleninspizient: Friedrich Ani.© Wikimedia/Creative Commons Großer Seeleninspizient: Friedrich Ani.© Wikimedia/Creative Commons

In einer Rezension des Romans "Der namenlose Tag" war in dieser Zeitung (2. Jänner 2016) zu lesen: "Der Schriftsteller Friedrich Ani (Jg. 1959) ist ein Krimiautor von Format; er hat zahlreiche Bücher geschrieben, und eigentlich tut man ihm unrecht, wenn man ihn auf das beliebte, noch immer expandierende Genre des Kriminalromans reduziert (. . .) Ani ist ein Seeleninspizient von hohen Graden, wobei er es, dankenswerterweise, mit der Düsternis, die zu ihm aufsteigt, nicht übertreibt".

Was seinerzeit gesagt wurde, gilt noch immer; ja, man darf den Autor für seinen neuen Roman "Nackter Mann, der brennt" sogar noch mehr loben. Die Geschichte, die er dieses Mal erzählt, ist wendungsreicher, auch düsterer als der Vorgänger, was mit der Perspektive zu tun hat, die gewählt wird: Ani erzählt aus der Sicht eines Täters, der früher Opfer war. Schauplatz ist Heiligsheim, ein äußerlich freundliches, im Inneren aber von Grund auf verrottetes bayerisches Dorf, in dem die Würdenträger noch etwas gelten und die Macht der Kirche ungebrochen scheint, obwohl deren moralische Integrität, spätestens seitdem, ortsunabhängig, diverse Missbrauchsskandale ans Tageslicht kamen, tiefe Risse bekommen hat.

Allianz des Schweigens

In Heiligsheim hatte man damit, dank einer bürgernahen Allianz des Schweigens, keine Probleme, bis Ludwig Dragomir auftaucht, der Erzähler des Buches. Als Kind, das eigentlich Coelestin ("der Himmlische") heißt, ist er, wie andere Kinder auch, missbraucht worden und anschließend in ein Erwachsenenleben geflohen, von dem manches zu lernen war, nur nicht das Vergessen; nun kehrt er zurück und nimmt Rache. "Zu Anfang meiner Abwesenheit von den vertrauten Wiesen, Kühen, Geranien, Wäldern, Melkern und Mördern hatte ich oft darüber nachgedacht, was mich gehindert hatte, den Mund aufzumachen. Feigheit natürlich. (. . .) Jahre später - schlagartig aufgewacht von meinem Lebenslärm aus Drogen, Alkohol und schlauem Geschäftsgebaren - schaute ich eines Morgens zum Himmel hinauf und erkannte nichts als kosmische Willkür."



Information

Friedrich Ani

Nackter Mann, der brennt

Roman. Suhrkamp, Berlin 2016, 223 Seiten, 20,- Euro.

Ludwig Dragomir, von den wenigen, die ihn noch kennen, "Luggi" genannt, bewegt sich unauffällig; er hat in Heiligsheim ein Haus gekauft. Regelmäßig lässt er sich in in der Dorfkneipe sehen, trinkt dort Bier nach Landessitte, also durchaus mengenbewusst, und fängt nebenbei ein Verhältnis mit der Wirtin Regina an, deren Mann verschwunden ist, was nicht weiter stört, zumal Luggi den Gatten, der zu den Folterknechten seiner zertrümmerten Jugend gehört, gefangenhält. Er hat ihn in eine Kammer gesperrt, quält ihn, aber nicht zu sehr, denn er soll erst sterben, wenn es an der Zeit ist.

Mit irrem Vergnügen nimmt er zur Kenntnis, dass rätselhafte Dinge im Dorf geschehen: Einige ältere Herren, allesamt Honoratioren mit gutem Leumund, sterben eines gewaltsamen Todes, der manchmal nur wie eine tragische Unfallfolge aussieht. Auf jeden Fall wirkt das Tun und Treiben des Ludwig Dragomir auf einmal nicht mehr so unauffällig; eine Ermittlerin taucht auf, sie hat Fragen und bekommt Antworten, die nicht zufriedenstellen. Luggi lässt sich nicht nervös machen, warum auch; aus den vielen schrecklichen Bildern der Vergangenheit, die ihn besetzt halten, lässt sich vor allem die eine Botschaft herauslesen: "Während wir uns wochenlang schämten und den Kopf gesenkt hielten, stolzierten sie aufrecht durch die Straße der tausend Augen, unerkannt und wohlgelitten."

Das Werk der Rache geht seinen Gang, die Ermittlerin bleibt Dragomir auf den Fersen; der Verdacht ist geweckt, lässt sich aber (noch) nicht belegen. Größere Pannen unterlaufen dem Rächer nicht; dennoch oder gerade deswegen wird er müde, seine Existenz, ohnehin nie gefestigt, löst sich langsam auf.

Fluchtgeschichte

Doch Luggi hat nie wirklich an die Illusionen eines Ichs geglaubt, das feststeht in der Zeit und unbeirrt bei sich selbst bleibt. Schon der Blick in den Spiegel erweist sich als wiederkehrende Fluchtgeschichte, die auch im Klammergriff der Erinnerung keine Kontinuität gewinnt: "Kein Mensch auf Erden hatte eine Ahnung, wer ich in Wirklichkeit war. Manchmal kam ich mir selbst wie eine Erscheinung vor. Bevor ich richtig hinsah, war ich schon wieder verschwunden." Noch einmal eine fast übermenschliche Kraftanstrengung, die mit Euphorie einhergeht: "Regen und absolute Finsternis. Vertrauter, unvergänglicher Anblick. Als wäre die Kindheit eine Kulisse vor Publikum, und das Spiel hörte nie auf. Hier war ich, jünger als damals, übermütig und erfüllt von vererbter Gewalt."

Gegen Ende, als es fast schon wieder gemächlich zugeht in Heiligsheim, nimmt Anis Roman noch einmal Fahrt auf und wartet mit wirklich überraschenden Pointen auf, die es in sich haben. "Nackter Mann, der brennt" - ein Titel der so lange befremdlich wirkt, bis er sich im Showdown doch erklärt - ist ein lesenswerter, überaus spannender Roman, der irritiert, ohne zu schockieren. Auch im Verderben, so zeigt sich, kann eine Versöhnlichkeit aufscheinen, die mit dem Himmel über uns zu tun hat, der unendlich leer anmutet, aber eben nicht immer und nie so ganz.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-01-13 15:08:05
Letzte Änderung am 2017-01-13 15:45:32


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