• vom 15.01.2017, 09:00 Uhr

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Korrigierte Erinnerung




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Von Ingeborg Waldinger

  • Julian Schuttings hochpoetischer Band "Zersplittertes Erinnern".



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Julian Schutting

Zersplittertes Erinnern

Jung und Jung, Salzburg/Wien 2016, 88 Seiten, 18,- Euro.

Ein Mostviertler Tierarzt- und Jägerkind, linkshändisch, aufgeweckt und von überbordender Fantasie, wächst in dunkler Zeit - im Zweiten Weltkrieg - heran: Julian Schutting. Durch das heimatliche Amstetten ziehen Kolonnen von "Bessarabiern" aus Rumänien; im Volksempfänger künden die Fanfaren aus Liszt’s "Les Préludes" von Wehrmachtssiegen; die Alarmsirenen vom Rathausdach konkurrieren mit "den gellenden Schreien der Pfauen des Litzlachnerbauern"; die Mutter hat Kontakt mit dem französischen Feind; die Ersatz-Küche täuscht - "unter Beibehaltung vertrauter Erscheinungsform" - Nichtvorhandenes vor und nimmt solcherart jenes ,Wie wenn‘ und ,Als ob‘ vorweg, von dem die Kunst lebt: "die heikle Sphäre der Metaphorik". In einem Wechsel von Lyrik und Prosa unterzieht Schutting seine Kindheitserinnerungen der relativierend-korrigierenden Urteilskraft des Erwachsenen: "Was sich gestochen scharf, wie durch ein licht- / starkes Fernglas gesehen, heute noch / aufrufen lässt, das besagt, dass es so nicht / gewesen sein kann."

Sinnliche Erinnerungen prägen auch Teil zwei des Buchs, der Schuttings Lehrjahren als Photograph in "BEHA", dem russisch besetzten Nachkriegswien, gewidmet ist. Es sind "sentimentalische Momentverjüngungen", wo die Erlebnisse des Stehplatzlers im Theater an der Wien oder des Naschmarkt-Flaneurs Oberhand gewinnen über Russgerüche, Ruinen und Not. Eine dem Lebenshunger geschuldete Ignoranz, der Schutting eindrucksvoll den Ablass verwehrt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-01-13 15:14:07
Letzte Änderung am 2017-01-13 15:44:08



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