• vom 12.02.2017, 17:00 Uhr

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Literatur

Tragische Bezirke des Daseins




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Von Gerhard Strejcek

  • Annett Krendlesbergers einprägsamer Erzählband "Doch".



Lesen soll Vergnügen bereiten, doch zeitweise betritt der Lesende zwangsläufig auch die tragischeren Bezirke des Daseins, erfährt Details über das Verletzt-Werden einer jungen Frau, über das eintönige Leben nach einer erbbedingt freiwilligen Kündigung oder das Sterben naher Angehöriger.

Information

Annett Krendlesberger

Doch

Erzählungen. Kitab, Klagenfurt/ Wien 2016, 394 Seiten, 17,- Euro.

Man müsste aus Stein verfasst sein, wenn da nicht Empathie entstünde. Wenn Annett Krendlesberger über die Leiden des Vaters, die Krankenhausatmosphäre (etwa in der Rudolfstiftung), den fehlenden Schulabschluss der attraktiven Mutter oder über Gehässigkeiten in einer Anwaltskanzlei schreibt, ist der Leser nahe dabei, sitzt mehr oder minder im Neben- oder Vorzimmer, einem wartenden Patienten gleich, der verstört einen Schrei im Behandlungszimmer wahrnimmt oder eine Auseinandersetzung im Anmelderaum der Praxis mithört. Was der Autorin widerfahren ist oder was sie in fiktiver Form wiedergibt und anderen Personen zusinnt, grimmig verbrämt mit Ironie und schwarzem Humor, lässt den Leser nicht kalt und zwingt ihm ein mitunter verkrampftes Lächeln auf.

Im Band "Doch" wird die Gabe der Autorin deutlich, einprägsam zu erzählen, Schmerzen spürbar und Gerüche störend wahrnehmbar zu machen, morbide Stimmungen anklingen und die Depression fühlbar werden zu lassen. In der Erzählung "Gummibaum" flattern illustre Gedankengänge über einen Karrieristen durch den Raum, wie sie beim Blumengießen ihren Lauf nehmen. Es kann verstörend wirken, wenn eine Person zwar selbst Schlüssel für andere Wohnungen innehat, aber - wenngleich dies nicht ratsam ist - auf die Anfertigung oder auf die ortsfremde Aufbewahrung eines Zweitschlüssels für das eigene Heim verzichtet.

Wie früher Bernhard

Das Gegenteil der von Doderer geforderten "jederzeitigen" Besuchsfähigkeit kommt hier deutlich zum Ausdruck, zugleich ein spürbarer Verwandtenhass. Welche Dosen hier verträglich sind und was einer längeren geistigen Verdauungsphase bedarf, hängt vom individuellen Befinden, aber auch vom jeweiligen "Geschmack" ab. In das Grauen oder in die Untiefen der Existenz anderer Personen als unbeteiligter Lese-Zeuge förmlich hineingezogen zu werden - das erinnert durchaus an Christine Lavant, Kafka oder den frühen Thomas Bernhard ("Frost", 1964).

Was in mehreren Musikgenres, in der darstellenden Kunst und eben auch im Bereich der Literatur auffällt, ist die Tatsache, dass es in Österreich viele begabte Menschen unterschiedlicher Herkunft gibt, die auf hohem Niveau Werke schaffen, ohne dass dies eine breitere Öffentlichkeit je erfährt. Das gilt auch für Annett Krendlesberger, die ein Philosophiestudium abgeschlossen und bei mehreren Wettbewerben reüssiert hat, und deren weitere Werke die Titel "Beweislast" (Prosa in Episoden) oder "Flaschendrehn" tragen. Dennoch könnte man sie als vorwiegend Insidern bekannte Autorin bezeichnen, deren Bücher nicht weit verbreitet, aber lesenswert sind. Das sollte sich ändern.

Die neunzehn Erzählungen dieses Bandes führen durch die Jahreszeiten, man muss das Werk auch nicht in einem Zug lesen. Das Buch ist puristisch mit einem braunen, schmucklosen Pappeinband ausgestattet, hat aber seine eigene Ästhetik, einen angenehmen Satz - und es ist perfekt lektoriert. Im Mittelpunkt steht der Text, sonst nichts. Kein einziger Tippfehler findet sich hier, nicht einmal ein verstelltes oder fehlendes Satzzeichen fiel dem Rezensenten auf, das ist in dieser Perfektion selten.

Wer täglich ein Stück Vorhölle genießen will, kann sich somit ein ganzes Monat von "Doch" ernähren: verstörende Kurzgeschichten, alltagsnahe Novellen, Erzählungen von feiner Ironie, wie auch immer man sie einordnen will.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-09 17:53:04
Letzte Änderung am 2017-02-09 18:17:00


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