• vom 07.05.2017, 12:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Verharren in solider Stagnation




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Peer

  • Der Kärntner Schriftsteller Daniel Wisser arrangiert auf wunderbar bittere Weise die exemplarische Biografie eines Österreichers.

Erzählt mit Raffinesse und Ironie: Daniel Wisser, Jahrgang 1971. - © apa/Herbert Neubauer

Erzählt mit Raffinesse und Ironie: Daniel Wisser, Jahrgang 1971. © apa/Herbert Neubauer

Daniel Wissers minimale, semantisch-phonetischen Variationen und Interventionen können all jene lesen, die auf seinen social-media-accounts mit ihm verbunden sind. Manchmal leisten diese Sprachexperimente eine erhellende Erkenntnis, manchmal erzielen sie den ersehnten anarchischen Überschuss. Die kleine Form, die Großes ausdrückt, ist oft auch ein Kern der komplexeren Prosaarbeiten dieses 1971 in Klagenfurt geborenen Schriftstellers.

In seinem jüngst erschienen Roman, "Löwen in der Einöde", verdichtet Wisser das Porträt seiner Protagonisten in knappen Be- und Zuschreibungen. Wenige Zeilen genügen, um etwa die Beziehung von Michael und Gudrun zu vermessen und gleichsam deren Ende zu skizzieren. "Sie hasst die meisten Geschichten, die er erzählt, weil er sie so oft erzählt. Von diesem Astronauten hat er noch nie gesprochen. Plötzlich, an diesem ersten Januar, kommt Michael Gudrun wie ein Fremder vor."

Dieser Astronaut ist, genau genommen, ein Kosmonaut und heißt Wladimir Wassiljewitsch Kowaljonok. Das Buchcover zeigt den Anzug eines Astronauten etwas verloren in einem nicht nur leeren, sondern geradezu verlassenen Zimmer. Wisser arrangiert mit sparsamen und klug gesetzten Verweisen eine exemplarische Biografie eines Österreichers, der die 1970er als Kind, die 80er Jahre als Jugendlicher und die gegenwärtige Zeit als Beziehungsenttäuschter und beruflich in einer sehr soliden Stagnation Verharrender zu bewältigen sucht.



Zurück zu den "Löwen in der Einöde", die im Übrigen gar nicht metaphorisch sind, weder die Löwen noch der Ortsteil "Einöde". Um den zentralen Charakter Michael Braun (einen Beamten des Meldeamts) gruppiert sich ein schmales, gut akzentuiertes Ensemble - und ein Kranz an chronikalen Bezügen: Die für das österreichische Fußballnationalteam geradezu traumatisierend erfolgreiche WM 1978 findet hier ebenso Platz wie markante Medienereignisse und politische

Information

Daniel Wisser

Löwen in der Einöde

Roman. Jung und Jung, Salzburg 2017, 126 Seiten, 17,- Euro.

Meilensteine: etwa die Abstimmung über die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf, die Entführung des Biermoguls Alfred Heineken, der Einsturz der Reichsbrücke, der tödliche Brunnensturz des italienischen Buben Alfredo Rampi oder der in einer Gefängniszelle 18 Tage lang vergessene Andreas Mihavecz, der nur dank der Kondensflüssigkeit an den Wänden überlebte.

Anhand dieser Beispiele entsteht eine biografische Klammer für die Hauptperson und eine Verortung des Gedächtnisses, die auf etwas Kollektives verweist.

Ein einziges Mal gelingt dieser Hauptperson ein Furor, ein Ausbruch. In jenem Moment wird aus dem (Michael) Braun geradezu ein Rot, so entschlossen, so beharrlich agiert er da. Es ist eine spezifische Eigenart, dass sogar das Kind nicht bei seinem Vornamen genannt wird, sondern zumeist als Braun durch diese seine Geschichte geht. So, als wäre er nicht einmal bei sich selbst heimisch. So, als wäre sein Nachname programmatisch, ja austauschbar, weil unscheinbar.

Das klingt nach einem mühsamen Stoff. Allein, dass Buch weiß von Anfang bis zum Ende auf wunderbar bittere Weise zu unterhalten. Die Ironie bezieht der Text durch den Kontrast zwischen dramatischem Ereignis und lakonischer Schilderung oder durch das gekonnte Inszenieren von Missverständnissen. Eine zweite qualitative Raffinesse ist die nicht-lineare Erzählweise. Sie ist nicht nur achronologisch, weil sie retrospektiv ist, sondern weil sich die Zeitebenen immer wieder mischen. Das irritiert zunächst etwas, weil dem Leser nicht ganz klar wird, ob Michael nun mit Silvia oder Gudrun zusammen ist - bis man dieses einander Durchdringen der Zeitebenen diagnostiziert, sich daran erfreut und auch das biografische Knäuel zu entwirren vermag. Man erfreut sich auch deshalb an dieser Technik des Verwebens, weil sie einprägsam anschaulich macht, wie sich Gedächtnisleistungen konstituieren, wie kollektives und subjektives Erinnern ineinandergreifen.

Erinnern & Vergessen

Eine solche Erzählweise stört auch das Bedürfnis nach Interpretation empfindlich. Ganz zum Schluss wird diese Absicht noch betont, wenn die Assistentin von Michael Braun darauf verweist: "George Orwell dachte 1948, dass 1984 in einer fernen Zukunft liegt. Im Moment archivieren wir die Akten des Jahres 1984. Und wenn wir fertig sind, wird 1984 schon vergessen sein."

So einfach kann das Verschwinden beschrieben werden, "Sein und Zeit" en miniature. Dabei gibt es einige ausgesprochen klare und empathische Momente, etwa wenn der 13-Jährige eine Initiation mit seiner Latein-Nachhilfelehrerin erlebt, die eine Leere hinterlässt, die Braun bis in seine Gegenwart als Mitvierziger nicht zu füllen weiß. In solchen Passagen wird schmerzlich bewusst: ein Braun haust in jedem von uns.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-05-04 17:54:11
Letzte Änderung am 2017-05-04 18:20:21



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. täglich
  2. Barbara Honigmanns Kunst der Sebstvergewisserung
  3. Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam
Meistkommentiert
  1. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  2. Hach, ist das schön!
  3. Rosamunde Pilcher verstorben

Werbung




Werbung