• vom 11.06.2017, 14:30 Uhr

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Von Jeannette Villachica

  • Mira Magéns heiterer Familienroman "Zu blaue Augen".



Ein junger Mann namens Rafi mietet sich bei der 77-jährigen Hannah Jonah, ihren drei Töchtern samt einer Enkelin und Hannahs illegaler rumänischer Pflegerin in einem schönen alten Jerusalemer Haus ein. Er gibt sich als Dichter aus, gehört jedoch zu Immobilienhaien, die Hannah ihr Haus abschwatzen wollen. Zunächst stößt er bei den Frauen auf Granit. Die Pflegerin Johanna versorgt mit ihrem Gehalt ihre Familie in Rumänien und fürchtet, dass Rafi entdeckt, was nur sie weiß: Hannah täuscht tagsüber Demenz vor, um Geld von der Pflegekasse zu erhalten; nachts trinkt sie neuerdings, aufgetakelt und in Begleitung jüngerer Männer, in Bars. Ihre Augen, die ihr Umfeld überstrahlen, stehen in Mira Magéns Roman "Zu blaue Augen" für Hannahs wiedergefundene Lebensfreude.

Information

Mira Magén

Zu blaue Augen

Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Dtv, München 2017, 384 Seiten, 21,60 Euro.

Der Pflegerin ist Hannahs Verhalten nicht geheuer: "In Israel ging es den Menschen zu gut. In ihrem Dorf in România hatte in diesem Alter keiner mehr Zähne, die Leute lutschten Zuckerrohr und aßen eingeweichtes Brot und Maisbrei. Und hier? (. . .) Je schwieriger die Lage war, umso besser ging es den Leuten. Es gab keinen Regen, kein Wasser, die ganze Zeit bombe und terroristi, und gleich kam schon der nächste Krieg, aber die Leute? Die waren im centru comercial. Alle im Einkaufscenter. Vielleicht gab Gott ihnen fette Jahre, bevor die mageren kamen."

Auch Rafi, der wie Magén aus einer orthodoxen Familie stammt, ist das Treiben der Agnostikerinnen in diesem Haushalt fremd.

Wie in früheren Romanen blickt Mira Magén feinfühlig und liebevoll in das Innere ihrer Charaktere und lässt uns an ihren Zwiegesprächen, diesmal meist nicht mit Gott, sondern mit ihrem besseren Ich teilhaben: Jardena hat häufig wechselnde Geliebte, wurde sehr jung Mutter und fühlt sich schuldig, weil sie keine Beziehung zu ihrer kleinen Tochter aufbauen kann. Das Kind ist meist sich selbst überlassen, schockierend frech, dabei gewitzt und wartet dabei nur auf ein bisschen Zärtlichkeit. Die Ärztin Simona wiederum hat das Gefühl, das Leben zöge an ihr vorbei. Als ihr todkranker Ex-Freund ihr seinen eingefrorenen Samen anbietet, ist sie nicht einmal verwundert und greift zu. Und Rafi beobachtet sie alle - und hat die Papiere zum Unterzeichnen stets griffbereit. Szenen, in denen er der (eingebildeten) Konkurrenz zuvorzukommen versucht, zählen zu den amüsantesten in diesem heiteren Roman.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-08 18:20:10
Letzte Änderung am 2017-06-08 19:04:45


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