• vom 10.09.2017, 16:00 Uhr

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Update: 10.09.2017, 16:46 Uhr

Neue Werkausgabe

Fragmente einer Leidensgeschichte




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In diesem Werk, das nach dem Vorbild der Balzacschen "Comédie Humaine" als große Zeitdeutung angelegt war, aber Fragment blieb, wollte Bachmann an verschiedenen Fallbeispielen demonstrieren, dass das wahre Ziel der patriarchalisch geprägten Ehe und Familie in der Ermordung der Ehefrauen und Töchter bestehe. In "Malina", dem einzigen Roman der Serie, den sie vollenden konnte, fand sie für dieses mörderische Potential des Patriarchats eine suggestive, deshalb viel zitierte Formel. Sie brandmarkte die Gegenwartskultur als "Friedhof der ermordeten Töchter."

Die Keimzelle

Die Keimzelle zu diesem ehrgeizigen "Todesarten"-Projekt sehen Schiffermüller und Pelloni in den "Male oscuro"-Notizen aus der Krankheitszeit. In ihnen sei, so meinen sie, alles angelegt, was sich später literarisch gewichtiger entfalten sollte. Diese "Übergängigkeit" aus der kurzen Notiz ins Romanwerk rechtfertige die Publikation der Texte.

Diese Erklärung ist einleuchtend, lässt aber eine kritische Frage dennoch nicht verstummen: Hätte man eine große Bachmann-Werkausgabe nicht doch besser anders begonnen? Zum Beispiel mit einem der beiden Lyrikbände, die seinerzeit Ingeborg Bachmanns Ruhm begründeten: "Die gestundete Zeit" (1953) oder "Anrufung des Großen Bären" (1956)? Verse wie "Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont" prägten sich immerhin dauerhaft ins Gedächtnis der Leserschaft ein. Und die literarischen Qualitäten wurden intensiviert durch die charismatische Erscheinung der österreichischen Dichterin, die bewundert wurde, als ob sie selbst ihr größtes Kunstwerk wäre: Elegant, auf eigene Weise attraktiv, virtuos changierend zwischen anmutiger Hilflosigkeit und intellektueller Präsenz.

Die Verlage und die Herausgeber haben noch keinen Editionsplan bekannt gemacht. Die ersten beiden Bände der Ausgabe richten das Augenmerk jedenfalls ganz und gar auf die leidende Autorin des letzten Lebensjahrzehnts und auf ihr fragmentarisches, von schweren psychischen Störungen gezeichnetes Werk.

Diese Fokussierung entspricht dem derzeitigen Hauptinteresse der Ingeborg-Bachmann-Philologie, die feministisch geprägt ist und dem "Todesarten"-Zyklus grundlegende Fragestellungen verdankt. Dabei geht es nicht nur um den Opferstatus der Frau, sondern auch um eine spezifisch weibliche Autorschaft, die sich, so die Theorie, nicht in einem abgeschlossenen, dauerhaft gültigen Werk artikuliere, sondern in vielfach gebrochenen Formen, die keinen Unterschied zwischen privater und öffentlicher Äußerung kennen, und die kaum mit Maßstäben wie "gelungen" oder "unfertig" zu beurteilen sind.

Im Lichte dieser Theorie erklärt sich auch die Auswahl des zweiten Bands der Edition. Dieses "Buch Goldmann" ist nicht identisch mit dem Text, der seit langem unter dem Titel "Requiem für Fanny Goldmann" bekannt ist. Das "Buch Goldmann" - der Titel stammt von Bachmann - enthält sehr viel mehr Entwürfe und Varianten als das "Requiem". In unterschiedlichen Anläufen wird das Schicksal der Wiener Schauspielerin Fanny Goldmann, "einer Frau mit Haltung und schönen Schultern", beschrieben. Viele Passagen sind weit gediehen und zeigen eine gewandte, gar nicht besonders experimentelle Erzählerin. Andere Teile sind Rohfassungen, sodass das Buch im Ganzen keinen einheitlichen Ton und schon gar keinen "roten Faden" findet. Der Kommentar von Marie Luise Wandruszka erweist sich als verlässlicher Führer durch das Labyrinth der Entwürfe.

Die größte Tragödie

Klar ist, dass diese Fanny Goldmann eine "Geschädigte" ist, wie es im Text heißt. Als Tochter aus gutem Haus kommt sie mit der Nachkriegsgesellschaft in Wien und anderswo nicht zurecht. Die größte Tragödie ihres Lebens besteht jedoch darin, dass sie sich in den so mediokren wie erfolgreichen Schriftsteller Toni Marek verliebt, der sie mit einer jüngeren Frau betrügt, und überdies Fannys Liebe in einem viel gelesenen Roman "ausschlachtet". Neben Fanny geistert noch eine Journalistin durch die Textvarianten, die einmal Eka Kottwitz, ein andermal Aga Rottwitz genannt wird. Sie erlebt dieselbe leidvolle Geschichte. Ihr Missbraucher heißt Kuhn bzw. Jung.

Dass man Kunstfiguren nicht mit ihren Erfindern gleichsetzen darf, gehört zu den Grundgesetzen der Literaturwissenschaft. Aber wer im ersten Band einer Werkausgabe mit der "Übergängigkeit" von Texten bekannt gemacht wurde, kann im zweiten Band nicht übersehen, dass Ingeborg Bachmann ihr eigenes Trauma auf ihre Kunstfiguren übertragen hat. Das Buch enthält scharfe zeithistorische Beobachtungen, subtile Ironien und poetische Formulierungen in Fülle - aber der gänzlich unsublimierte Schmerz der tief gekränkten Autorin überschattet alles andere. Man wird sehen, ob der dritte Band der Ausgabe auch dieser Leidensspur folgt, oder ob er Ingeborg Bachmann einmal als die glanzvolle, starke Dichterin vorstellt, die sie in jungen Jahren war und vielleicht auch gern geblieben wäre.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:09:09
Letzte Änderung am 2017-09-10 16:46:35


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