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Update: 16.10.2017, 16:27 Uhr

Buchkritik

Auf allen vieren gehen?




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Von Oliver vom Hove

  • Der indische Brite Pankaj Mishra über die Kluft zwischen der Moderne und den ausgeschlossenen Massen.

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra. - © apa/Gindl

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra. © apa/Gindl

Alternativlos ist ein Unwort unserer Zeit. Es ist vom Westen diktiert, über die Köpfe der Menschen in Ost und West hinweg. In beiden "Lagern" hat sich die Zerrissenheit der Menschen zwischen ihren althergebrachten Lebensformen und der Forderung nach permanentem Umbau ihres individuellen Lebens breitgemacht. Die Ratlosigkeit darüber erzeugt weltweit jenen Zorn, den der aus Indien stammende Historiker und Essayist Pankaj Mishra für die globale Signatur unseres Zeitalters hält.

Das Glücksversprechen der Moderne, dominiert vom angloamerikanischen Fortschrittskonzept, hat zu jenem globalen Universalismus geführt, vor dessen Folgen Hannah Arendt schon vor mehr als einem halben Jahrhundert gewarnt hat: "Nämlich der Vertreibung in einem nie gekannten Ausmaß und einer beispiellos tiefen Entwurzelung".

Information

Sachbuch
Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart
Pankaj Mishra, aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff
Fischer Verlag, 416 Seiten,
24,70 Euro

Diese Entwurzelung hat, so Mishra, vor 250 Jahren Rousseau unaufhaltsam wirkungsvoll beschrieben. Der Genfer Selbstdarsteller brachte sich damit in vehementem Gegensatz zu Voltaire, der auf eine Aufklärung von oben setzte, durch Monarchen, denen er, wie Russlands Katharina riet, den glaubensversessenen Polen und Türken die Werte der Aufklärung mit aufgepflanztem Bajonett beizubringen. Rousseau hielt heftig dagegen, indem er vorausblickend auf die Entfremdung und den damit verbundenen Selbsthass und Zorn hinwies, der die von der Zivilisation Abgestoßenen bewegen wird. Nietzsche hielt gar den Streit zwischen Voltaire und Rousseau für "das unerledigte Problem der Zivilisation".

Rationalität und Nützlichkeit

Gegen die Tendenz, alle überkommenen kulturellen und wirtschaftlichen Errungenschaften vor das Tribunal von Rationalität und Nützlichkeit zu stellen, erhob sich früh Widerstand. Für Mishra ist Rousseau mit seinem "plebejischen Zorn" der Gewährsmann für eine Entwicklung, die sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in Wellen von Aufständen und terroristischen Gewaltakten fortwälzte. Auch den heutigen Terror - sowohl von rechtsradikalen Fanatikern wie von dschihadistischen Fundamentalisten - führt Mishra auf den Konflikt zwischen der Einbindung in religiöse und soziale Traditionen und einem zu kultureller Entwurzelung führenden Säkularismus zurück, der durch die Wucht der Globalisierung erneut - diesmal weltweit - aufgebrochenen ist.

Mishra beschreibt eine Ideengeschichte der antizivilisatorischen Affekte und Gegenbewegungen zur auftrumpfenden Moderne. Dabei bedient er sich ausgiebig bei der Literatur, vorwiegend bei der europäischen Romantik, und verblüfft mit engen Verbindungslinien zwischen dem Gedankengut aufklärungskritischer Autoren wie Herder, Fichte, de Maistre, Herzen, Bakunin und Dostojewski zu heutigen Problemwahrnehmungen.

Im Grundkonflikt Voltaire-Rousseau stellt sich Mishra unverkennbar auf die Seite Rousseaus. Unterschlagen wird dabei Voltaires treffender Sarkasmus, mit dem er Rousseaus Forderung "Zurück zur Natur" quittierte: Er sei seit 60 Jahren aus der Übung, auf allen vieren zu gehen, ließ Voltaire seinen antizivilisatorischen Gegenspieler wissen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-16 16:12:06
Letzte Änderung am 2017-10-16 16:27:20


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