• vom 28.10.2017, 14:00 Uhr

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Literatur

Eine haarige Angelegenheit




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Von Irene Prugger

  • Gerhard Falkners amüsant-geistreicher Roman "Romeo oder Julia".



Als Gerhard Falkner im Jahr 2005 Gast bei einem bekannten Tiroler Literaturfestival war, ereigneten sich nach seiner Aussage seltsame Dinge: In seiner Hotelbadewanne fand er lange dunkle Haare, woraus er schloss, jemand hätte während seiner Abwesenheit gebadet, vermutlich eine Frau. Außerdem verschwand Falkners Schlüsselbund und kurz darauf seine Tasche samt persönlichen Papieren und Notizbüchern. Für einen Autor ist ein Notizbuch ein kostbares Gut, und der Verlust des Schlüsselbundes zog reichlich Scherereien nach sich. Am meisten aber setzte Falkner wohl die bedrohliche Mysteriosität des Vorfalls zu. Anzeige erstattete er damals nicht, machte aber letztlich das Beste aus der Angelegenheit: ein gutes Buch.

Information

Gerhard Falkner

Romeo oder Julia

Roman. Berlin Verlag 2017, 267 Seiten, 22,70 Euro.

Ausgehend von dem Ereignis teilt er seinen Roman in vier Abschnitte (Innsbruck, Moskau, Ma-drid, Berlin) und spinnt - als Icherzähler und Autor Kurt Prinzhorn- das Gedankenexperiment weiter, wer damals im Hotelzimmer gewesen sein könnte. Dazu lässt er sowohl reale als auch fiktive Personen auftreten. Bei den realen Personen handelt es sich vor allem um Autoren, denn es sind literarische Tagungen, bei denen die Stalking-Affäre eine Fortsetzung findet. In Moskau und Madrid legen die geheimnisvollen Zeichen sogar noch an Bedrohlichkeit zu.

Der Roman-Plot ist nicht unbedingt ein Pageturner, auch deshalb, weil die Beschreibungen der Schriftstellertreffen mitunter ausufern. Aber weil man doch gerne wissen möchte, wer hier so verrückt stalkt, hält der Roman bis zum Schluss seine intendierte Spannung aufrecht, wenngleich die Lösung des Rätsels sich eher wie eine Pflichtübung liest.

Sehr erfreulich hingegen sind Falkners geistreiche, pointierte Formulierungen und philosophischen Betrachtungen, die sich auch durch die Dialoge ziehen. Mitunter fällt etwas zu viel Glanz auf den Icherzähler Kurt, der sich bei den ihn anhimmelnden Frauen wie bei den Lesern mit seiner umfassenden Bildung, seinem Wortwitz und schnoddrigen Charme ins rechte Licht zu rücken versteht.

Aber letztlich ist diese Selbstüberhöhung eher eine menschliche denn literarische Schwäche, und weil dabei Kurts Selbstironie zumindest stellenweise durchklingt, überwiegen bei diesem Buch Amüsement und Lesegenuss.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-25 16:41:10
Letzte Änderung am 2017-10-25 17:01:47


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