• vom 28.10.2017, 09:30 Uhr

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Stille Beobachterin im Hintergrund




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Von Elisabeth Freundlinger

  • Die Wiener Buchhändlerin Anna Jeller hat eine eigene Edition gegründet - und mit einem Lieblingsbuch ihrer frühen Jahre gestartet: Maureen Dalys Roman "Siebzehnter Sommer".



Schaufenster der Wiener Buchhandlung Jeller, in der das erste Buch der neuen Edition präsentiert wird.

Schaufenster der Wiener Buchhandlung Jeller, in der das erste Buch der neuen Edition präsentiert wird.© Schmickl Schaufenster der Wiener Buchhandlung Jeller, in der das erste Buch der neuen Edition präsentiert wird.© Schmickl

Ein begabtes Mädchen: Schon im Alter von 15 Jahren verfasste Maureen Daly (1921-2006) ihre erste Novelle mit dem Titel "Fifteen". Ein Jahr darauf folgte "Sixteen" und noch ein Jahr später begann sie jenen Roman zu schreiben, der als erstes Buch im Genre der Coming of Age-Romane gilt. "Siebzehnter Sommer" erzählt vom Erwachsenwerden eines jungen Mädchens im Wisconsin der Vierziger Jahre. Das Buch ist in den Vereinigten Staaten bis heute ununterbrochen lieferbar, in Österreich nun endlich auch wieder.

Die reizende Vorgeschichte: Im Wien der 70er Jahre schenkte eine Mutter ihrer Teenager-Tochter das Buch mit dem verlockenden Titel "Siebzehnter Sommer". Aus dem lesebegeisterten Mädchen wurde eine Frau, die ihre Leidenschaft zum Beruf machte und 1985 eine Buchhandlung eröffnete. Mit dem ersten Buch, das sie so tief berührt hat, hat die Buchhändlerin Anna Jeller nun ihre eigene Edition gegründet.

Information

Maureen Daly

Siebzehnter Sommer

Roman. Aus dem Amerikanischen Englisch von Bettina Obrecht.
Coverillustration von Kat Menschik. 280 Seiten, Hardcover, 24,90 Euro.
Erschienen in der Edition Anna Jeller (aber in jeder Buchhandlung erhältlich). www.annajeller.at

Nett und zickig

"Mich hat schon damals fasziniert, wie poetisch und doch kitschfrei das geschrieben ist, vor allem aber hat mich die Person der Angie in den Bann gezogen. Die ist so straight, so anders. Das hat mir gefallen, damit konnte ich mich als junges Mädchen identifizieren", erzählt Anna Jeller.

"Siebzehnter Sommer" ist nur auf den ersten Blick ein Jugendbuch. Ja, es handelt vom Sommer, von der ersten Liebe, von einer intakten Familie. Aber die Hauptfigur, die siebzehnjährige Angie, ist nicht wie die übrigen Mädchen. Sie ist die stille Beobachterin im Hintergrund, sie hinterfragt, sie will verstehen. Was wohltuend ist: Angie ist durchaus nicht immer nett, sondern manchmal ganz schön zickig. Sie macht Fehler und lernt daraus. Und sie trifft mutige Entscheidungen.

Mutig, das war Anna Jeller mehr als einmal in ihrem Leben. Ob es nun die Entscheidung für einen "aussterbenden" Beruf war, die Eröffnung der eigenen Buchhandlung im vierten Bezirk oder zuletzt die Gründung der eigenen Edition. Letzteres geschah aus der Intention heraus, Bücher, die sie für wichtig hält, zu bewahren - quasi als Gegengewicht zu dem vielen . . . nun ja . . . Mist, der unweigerlich produziert wird. Was die Entscheidung betrifft, gerade den Roman "Siebzehnter Sommer" zum ersten ihrer Edition zu machen, so gab es für Anna Jeller kein langes Überlegen. Schließlich ist das Buch - in literarischer Hinsicht - ihre erste große Liebe.

"Ich wollte nicht, dass dieser Roman verloren geht", erzählt die Verlegerin im Gespräch. "Dieses Buch hat mich geprägt. Auch in meinen Lesegewohnheiten. Bis heute habe ich eine Vorliebe für amerikanische Literatur, denn ich mag den unprätentiösen Stil, diese Leichtigkeit des Erzählens."

Die Unbeschwertheit, mit der die Geschichte vom "Siebzehnten Sommer" auf den ersten Blick daherkommt, ist genauso trügerisch wie die Vorstellung von der naiven jugendlichen Autorin oder das romantische Bild von der Buchhändlerin, die ihr Lieblingsbuch verlegt. In allen diesen Fällen ruht die Leichtigkeit nämlich in Wahrheit auf einem ordentlichen Fundament aus Disziplin und Ernsthaftigkeit. Angie ist nicht das harmlose Mädchen vom Cover, die Autorin entpuppte sich im Lauf ihres Lebens als toughe Karrierefrau, die Buchhändlerin nahm monatelange Mühen auf sich, bis alles so wurde, wie sie das haben wollte. "Neun Monate", erzählt Jeller, "und sicher so anstrengend wie eine Geburt!"

Ein engagiertes Frauenteam rund um die Verlegerin zeichnet für die aufwändige Gestaltung verantwortlich: Die Übersetzerin Bettina Obrecht hat die Geschichte in eine modernes, klares Deutsch gebracht, die Illustratorin Kat Menschik das Cover gestaltet - und dabei sogar geschickt das Gesicht der Autorin eingebracht. Das griffige Papier mit den roten Kanten, die sorgfältig gewählten Farben, die großzügige Typographie, all das setzt dieses Buch zudem perfekt auf die Vintage-Schiene, die gerade en vogue ist. Das Buch greift sich gut an, es riecht wunderbar.

Klar und poetisch

Und es liest sich schön. Maureen Dalys Sprache ist klar und poetisch, zart, wie die "blauschimmernden Libellen, die tief über dem Wasser schwebten. Ihre fein gewebten Flügel schimmerten in der Sonne, und die Flusspflanzen breiteten ihre Blätter flach auf der Wasseroberfläche aus". Aber auch hart: "Ich schämte mich so, dass das Glück des ganzen heißen, leuchtenden Nachmittags geradewegs verdorrte und ich spürte, wie ich nach und nach begann, Jack zu hassen." (Nachdem Angie bei einem Familienessen herausfand, dass ihr Freund keine Tischmanieren hatte.)

Zur Geschichte: Es ist der Sommer, bevor die siebzehnjährige Angie von zu Hause fortgehen wird, um in Chicago das College zu besuchen. Sie freut sich auf ihr übliches Ferienprogramm - Schwimmen im See, über sonnenwarme Wiesen laufen, Familienpicknicks - und ahnt noch nicht, was dieser Sommer wirklich bringen wird: erste Liebe, Erwachsenwerden und eine Zäsur. Wie Angies ältere Schwester Lorraine sagt: "Nichts wird jemals wieder so sein wie früher".




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-25 16:44:09
Letzte Änderung am 2017-10-25 17:04:28


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