• vom 26.12.2017, 10:00 Uhr

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Beschwörung und Abrechnung




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Die deutsche Schriftstellerin Sandra Hoffmann spielt am Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelin ein Stammbaumrätsel durch.



Das Verhältnis zwischen Großmüttern und ihren Enkelinnen ist oftmals so besonders, dass es geradezu einlädt, literarisch erkundet zu werden. Regale könnte man füllen mit Büchern, die das Gelände zwischen den Generationen bewandern. Auch die Schriftstellerin Sandra Hoffmann lässt ihre Ich-Ezählerin, von der anzunehmen ist, dass sie viel mit ihr selbst zu tun hat, die Spur zu ihrer Großmutter Paula aufnehmen. Sie ist die Mutter der Mutter der Erzählerin. Der Vater der Mutter ist unbekannt, weil eben Großmutter Paula beharrlich schweigt, ihr Leben lang, bis zu ihrer letzten Stunde. Das Wissen um den Vater ihrer Tochter nimmt sie mit ins Grab. Die Erzählerin weiß also nicht, wer ihr Großvater ist.

Rätsel der Herkunft

Information

Sandra Hoffmann

Paula

Roman. Hanser Berlin 2017, 158 Seiten, 18,50 Euro.

Das Geheimnis um die Abstammung dient Sandra Hoffmann als Erzählimpuls für die Suche nach dem Vater der eigenen Mutter. Immer wieder sitzt die Erzählerin über den Fotos der Familie, um einen Hinweis zu finden, eine neue Fährte, irgendeine Spur. Es ist das Rätsel der eigenen Herkunft, das sie nicht mehr loslässt. Deswegen stellt sie all die Mutmaßungen über Paula an, rekonstruiert, wie es gewesen sein könnte, beschwört die Großmutter in all ihren Möglichkeiten. Als die Großmutter stirbt, hinterlässt sie, wie so viele, einige Kisten, darin nicht nur Fotos, sondern auch Trauer- und Geburtsanzeigen, die wiederum Rückschlüsse auf ungeahnte Verbindungen zulassen. Für die Erzählerin sind es kleine Anker, die sie in die eigene Erinnerung schlägt, wobei sie natürlich weiß, dass Erinnerungen immer auch erfunden werden, weswegen sie Geschichtenerzählern als form- bare Masse dienen.

Die Erzählerin spricht von der Pflicht zur Fiktion, die sich aus der Pflicht zur Präzision ergebe. Die ureigene Aufgabe des Schriftstellers wäre es demnach, die Lücke zwischen dem, was war und dem, was gewesen sein könnte, zu schließen. Hoffmanns Roman ist ein Erinnerungsbuch, das sich der eigenen Geschichte und Familie stellt. Das macht die Autorin einmal zart, das andere Mal drastisch; immer aber wahrhaftig. Ihr Erzählen zeichnet sich durch Klarheit und enorme Dichte aus.

Dabei strahlt eine Helligkeit in den Text, eine Helligkeit, die freilich ums Dunkel weiß. Einmal ist in Bezug auf die Augen der Erzählerin und jene ihrer Mutter die Rede von einem Leuchten aus einer Traurigkeit heraus. Genau so ein Leuchten aus einer Traurigkeit heraus umgibt auch die Erzählstimme des schmalen Romans. Dabei verschiebt sich der Fokus von der Beschwörung der Großmutter zur Abrechnung mit derselben. Die Erzählerin lässt ihre eigene Geschichte mit Großmutter Paula Revue passieren, deren Gottesfürchtigkeit aus Beten, Beichten, Büßen, ihren Kontrollwahn, ihre Unverschämtheit, unter der das Mädchen, das die Erzählerin einmal war, zu leiden hatte. Damals in den siebziger Jahren, im katholischen Oberschwaben, in Aßmannshardt. Mit dem dazugehörigen Zeitkolorit aus RAF, Rama und Bonanza entführt uns der Roman in die Enge des Ortes und der Familienstrukturen. Die Großmutter wohnt im selben Haus, was ihre Enkelin dazu bringt, gegen sie aufzubegehren. In solchen Momenten gleicht die Geschichte auch einer Großmutter-Austreibung in genau platzierten Worten.

Viele Schleifen

Dabei scheint sich der Roman zuweilen nicht von der Stelle zu bewegen, weil er die immerselben Schleifen zieht. Das vielleicht alles so, vielleicht aber auch ganz anders war, ist ein Gedanke, den das Buch oft wiederholt. Die Fassungslosigkeit darüber überträgt sich beim Lesen nicht durchweg, oftmals bleibt die Geschichte geradezu im Privaten hängen, scheint einen nichts anzugehen - zumindest im Gegensatz zu den unausgepackten Kisten und Geschichten der eigenen Familie. Sich diesen endlich zu widmen, dazu indes regt die Lektüre von Sandra Hoffmanns Roman nachdrücklich an.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-22 15:47:10
Letzte nderung am 2017-12-22 16:11:37



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