• vom 27.12.2017, 10:00 Uhr

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Literatur

Die Zeit als Spiralgalaxie




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Von Otto A. Böhmer

  • Der deutsche Autor Thomas Lehr bettet eine Dreiecksgeschichte in viel Zeitgeschehen und garniert das Ganze mit Philosophie.





Wer sich als Autor in die Literatur begibt, hat Ansprüche, die nicht immer mehrheitsfähig sind. Damit muss man umgehen, aber zwei, drei Leser, die dem Autor abnehmen, was er ihnen auftischt, finden sich immer; manchmal sind es auch deutlich mehr, und dann kann es schon vorkommen, dass ein Buch zu bestaunen ist, das ambitioniert und werthaltig anmutet, im Großen und Ganzen jedoch erstaunlich unverständlich bleibt.

Als Vermittler treten dann geneigte Kritiker auf, die nicht abstreiten würden, dass sie schon länger am diskret zu handhabenden besseren Wissen beteiligt sind, aus dem heraus Beurteilungen abfallen, die dem Normalleser, dem begriffsstutzigen zumal, wichtige Verständnishilfen offerieren, die er annehmen darf oder eben nicht.

Information

Thomas Lehr

Schlafende Sonne

Roman. Hanser, München 2017, 640 Seiten, 28,80 Euro.

Manchmal sind allerdings auch die Kritiker ratlos, geben es aber nicht so gern zu, sondern verweisen lieber darauf, dass die Berichterstattung über unsere Wahrnehmungs- und Persönlichkeitswelten ein Zumutungskonstrukt bleibt, dem mehr Rätsel als Bestätigungen innewohnen.

Mächtiger Auftakt

Der Schriftsteller Thomas Lehr (Jg. 1957), dem für frühere Bücher einige namhafte Auszeichnungen zugesprochen wurden, hat einen Roman vorgelegt, der es Kritikern und Lesern gleichermaßen schwer macht. "Schlafende Sonne" heißt er, ist über 600 Seiten stark und vom Autor als Auftakt zu weiteren Bänden vorgesehen, die sich schließlich zu einem Opus magnum summieren sollen, in dem dann, vermutlich, das letzte Wort immer noch nicht gesprochen ist. Dabei mutet das Ereignis, von dem der Roman seinen Ausgang nimmt, zunächst durchaus überschaubar an:

Im August 2011 hat die Künstlerin Milena Sonntag eine große Ausstellung, die ihr sehr wichtig ist; scheint es doch so, als werde damit eine Lebens- und Schaffenswürdigung vorbereitet, die schon länger ansteht und nun spät, aber nicht zu spät erfolgt. Mit von der Partie ist ihr Ehemann Jonas, seines Zeichens Astrophysiker, der den Auftrag erhält, Rudolf Zacharias, im Berufsleben als Philosophiedozent unterwegs, vom Flughafen abzuholen. Zacharias, eigens aus Tokio zur Ausstellung eingeflogen, ist ein früherer Liebhaber Milena Sonntags, mit dem sich Erinnerungen verbinden, die auf Leidenschaftlichkeiten verweisen, von denen die real existierende Ehe wohl schon länger verschont wird.

Eine Dreiecksgeschichte also, die man im Prinzip sehr knapp und zielorientiert erzählen könnte, wenn es nicht auch anders ginge: Im Bewusstseinsstrom, den wir als Einzelne und Massengänger gleichermaßen bedienen, kommen jede Menge Erweiterungen, Rückblenden und Bestandsaufnahmen hinzu, die sich schließlich als übergeordnetes Zeitgeschehen begreifen lassen, an dem man, wie und warum auch immer, mitwirken durfte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-22 15:53:09
Letzte nderung am 2017-12-22 16:13:43



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