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Wo ist das Koronakind?




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Von Uwe Schütte

  • Der deutsche Schriftsteller Dietmar Dath entwickelt aus einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis einen Sci-Fi-Roman und eröffnet grandiose Vorstellungsräume.



Es war im Jahr 2012, als ein Forscherteam das Rätsel löste, warum die Oberfläche der Sonne eine vergleichsweise geringe Temperatur von rund 5000 Grad aufweist, während das den Stern umgebende Plasma mehrere Millionen Grad heiß ist: Auf dem feurigen Gasmantel des Sterns toben unsichtbare, magnetische Tornados, durch welche Energieströme aus dem Inneren der Sonne in die Korona geleitet werden.

Den deutschen Schriftsteller Dietmar Dath hat diese naturgeschichtliche Erkenntnis zu einer famosen Romanidee inspiriert: Was, wenn diese Wirbel mit Bewusstsein ausgestattete, avancierte Lebensformen wären? Bewohner der Sonne gleichsam, deren Existenz uns freilich so unbegreiflich und undurchschaubar vorkommt, wie einem Tier unser Dasein mit all seinen sozialen Regeln, seinen kulturellen Normen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Information

Dietmar Dath

Der Schnitt durch die Sonne

Roman. S. Fischer, Frankfurt/M. 2017, 362 Seiten, 24,70 Euro.

Gedankenexperiment

Das literarische Resultat von Daths Gedankenexperiment ist "Der Schnitt durch die Sonne". Mit rund 360 Seiten gehört das Buch zu den weniger umfangreichen Titeln in der proliferierenden Bibliografie des 47-jährigen Autors, der nunmehr mit S. Fischer eine neue verlegerische Heimat gefunden hat.

Die Geschichte beginnt und endet auf der Erde. Einen Protagonisten kennt das Buch nicht, höchstens in Abwesenheit: das mysteriöse Koronakind. Dabei handelt es sich um eine - den Sonnenbewohnern unerklärliche - Ausnahmeerscheinung, die über ganz besondere Fähigkeiten verfügt. Deshalb wird das Koronakind auch aus der Gemeinschaft verbannt, worauf sich das Wesen auf die Erde, zu den Menschen flüchtet.

Die Menschheit wiederum ist den Sonnenexistenzen bereits seit 1945 auffällig geworden, als sie nämlich durch das grauenhafte Vernichtungswerk der Nuklearbomben bewies, dass sie mittlerweile eine Technik beherrscht, mit deren physikalischen Geschehnissen die Sonnenwesen alltäglich umgeben sind.

Um nun die Menschen besser zu verstehen, aber auch mit dem Hintergedanken, Aufschlüsse über das ominöse Koronakind zu gewinnen, das nunmehr zu einem Streitobjekt unter den Sonnenexistenzen geworden ist, werden sechs Menschen durch avancierte Technologie auf die Sonne gebracht. Da die menschlichen Körper dort natürlich sofort sterben müssten, sind es vielmehr eine Form mathematischer "Abbildungen", die die sieben Lichtminuten lange Reise machen - die Körper selbst verbleiben auf der Erde.

Was die als Probanden benutzten Materialisierungsformen der Besucher dort erleben, liegt freilich ganz jenseits unserer Vorstellungskraft.

Ein literarisches Fest jedoch für den Autor Dath, dessen Faible für Mathematik aus früheren Romanen wie etwa "Diracs" (2006) ja hinreichend bekannt ist: Denkfiguren der theoretischen Physik und mathematische Theorien werden von ihm - in der Ausfabulierung der kosmischen Gesetzen gehorchenden Raum-Zeit-Welt - übersetzt in merkwürdige Erzählräume, in denen sich Sonnenexistenzen und Menschen-Abbildungen begegnen. Ob man die physikalisch-mathematischen Begriffe und dialogisch erläuterten theoretischen Gesetze nun intellektuell tatsächlich versteht, ist nahezu zweitrangig. Denn die von Dath eröffneten Vorstellungsräume sind sinnlich wie literarisch attraktiv genug, um den Leser bei der Stange zu halten.

Phantasie-Universum

Mathematik und Mythos, Surrealismus und Sci-Fi sind nur vier der Koordinaten, zwischen denen Dietmar Dath sein Phantasie-Universum aufspannt. Dabei können selbst so abstrus-fantastische Konstruktionen wie etwa das Monster mit dem mathematischen Namen Einhundertsechsundneunzigtausendachthuntertdreiundachtzig eine reale Wurzel haben, nämlich im sogenannten Monster aus der Gruppentheorie, über das der Autor Alexander Masters den faszinierenden Bericht "Simon: The Genius In My Basement" (2011) geschrieben hat.

Solche eigensinnigen Verschiebungen vom Abstrakten ins Reale, und von dort weiter ins Phantastische gehören zu den Vorzügen von Daths kosmischem Roman. Es sind bei weitem nicht die einzigen von "Der Schnitt durch die Sonne".





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 15:08:09
Letzte nderung am 2018-01-04 16:47:12



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