• vom 05.01.2018, 16:00 Uhr

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Systemneustart der Menschheit




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Arnon Grünbergs subversive Novelle "Die Datei".



Das liest sich gut an: Die 24 Jahre alte Lillian wohnt noch bei ihren Eltern und hängt den ganzen Tag, Paprikachips in sich hinein schaufelnd, vor dem Rechner. Sie ist überzeugte Vegetarierin, Zwangsneurotikerin, Synästhetikerin, Autistin, Digital Native, "mehr Nager als Mensch". Kurz: Ein weiblicher Nerd wie aus dem Lexikon. "Sie braucht einen Bildschirm, Kontakt ohne Bildschirm ist nichts für sie, Kontakt ohne Bildschirm ist unmenschlich." Das Internet erscheint ihr wirklicher als die Wirklichkeit, und auf Menschen reagiert sie zunehmend allergisch.

Information

Arnon Grünberg

Die Datei

Novelle. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 203 Seiten, 8,99 Euro.

Lillian heißt die Hauptfigur im neuesten Buch des niederländischen Autors Arnon Grünberg, "Die Datei". Das ist nur folgerichtig, ist Lillian doch wie geschaffen für seinen durchgeknallten Figurenkosmos, der seit jeher Sonderlinge aller Art versammelt. Eine Novelle nennt sich der vergleichsweise schmale Band im Untertitel, was hier wohl eher andeuten soll, dass es sich um ein Nebenwerk Grünbergs handelt, - eine herausragend unerhörte Begebenheit bietet das Buch zumindest nicht.

Lillian wartet einfach darauf, dass es endlich beginnt, ihr Leben, und als sie einen Job in der dubiosen Firma "BClever" angeboten bekommt, sagt sie schnell Ja. Die Firma ist spezialisiert auf die Abwehr von Hacker-Angriffen, arbeitet für Unternehmen wie für Regierungen. Dabei basteln die Mitarbeiter eifrig am Projekt "Neuer Mensch", ist man dort doch fest davon überzeugt, dass die Gesellschaft, ach was, die ganze Menschheit vor einem Systemneustart steht. Das ist ein hübsches Spiel mit den Zukunftsvisionen von gestern, wobei alles, was Lillian in der Firma widerfährt, entfernt an Maes Erlebnisse in David Eggers "The Circle" erinnert.

Grünbergs Version gebärdet sich schmalspuriger, wenn auch lustiger und subversiver, was in diesem Falle leider auch nicht hilft. Denn um als wirkliche Dystopie durchzugehen, ist seine Novelle zu halbherzig, ja geradezu lasch gestaltet. Sie wirkt pflichtschuldig abgehakt und obendrein auf unaufregende Art unfertig.

Dabei liest sich das alles wunderbar weg, was auch an der Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit des von Grünberg gewählten Präsens liegt. Vor allem Lillian dabei zuzuschauen, wie sie versucht, "normales Verhalten zu produzieren", bereitet dem Leser durchaus Vergnügen. Die einzelnen Kapitelüberschriften ergeben sich aus vermeintlich goldenen Internet-Regeln: "There will always be even more fucked up shit than what you just saw." Oh, ja. Gegliedert ist das Buch in zwei ungleiche Teile, beziehungsweise zwei Dateien, deren Ursprung sich nicht von selbst erklärt.

Ob am Ende die Apokalypse bevorsteht, oder Lillian sich in einer Psychose windet, bleibt offen. Erlösung ist jedenfalls nicht zu erwarten. Doch auch das ist einem am Ende des Buches egal.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 15:11:08
Letzte nderung am 2018-01-04 16:46:23



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