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Mütter unter Druck




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Von Jeannette Villachica

  • Leïla Slimani untersucht in ihrem Roman "Dann schlaf auch du" die komplexe Beziehung zwischen einer Pariser Familie und deren Kindermädchen.

Mit dem Prix Goncourt für diesen Roman ausgezeichnet: Leila Slimani. - © Catherine Hélie/Éd. Gallimard

Mit dem Prix Goncourt für diesen Roman ausgezeichnet: Leila Slimani. © Catherine Hélie/Éd. Gallimard



Das Baby war tot, seine ältere Schwester Mila noch am Leben, als Myriam ihre Kinder fand. Sanitäter und Notärztin kümmerten sich um die junge Mutter, aber "die andere, die musste man auch retten". Das Kindermädchen
Louise "hatte es nicht fertiggebracht zu sterben. Den Tod konnte sie nur bringen", schreibt Leila Slimani zu Beginn ihres zweiten Romans, "Dann schlaf auch du".

Information

Leïla Slimani

Dann schlaf auch du

Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Literaturverlag, München 2017, 222 Seiten, 20,60 Euro.

Thema der marrokanisch-französischen Autorin sind die Lebenswelten heutiger Großstädterinnen. Slimani beschreibt sie mit einer überzeugenden Mischung aus psychologischem Feingefühl und Distanz - und in glasklarer Sprache. In ihrem, mit dem Prix Goncourt 2016 ausgezeichneten Gesellschaftsroman "Dann schlaf auch du" erzählt sie eine tieftraurige Geschichte, die so ähnlich auch in einem anderen Kulturkreis hätte spielen können. Überall dort, wo Frauen, denen keine andere Wahl bleibt, ihre eigenen Kinder im Stich lassen, um die Kinder wohlhabender Familien zu hüten. Und wo Eltern, insbesondere Mütter, zwischen der Liebe zu ihren Kindern und ihrem Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung und Anerkennung hin und her gerissen sind.

Machtspiele

Eigentlich sind Myriam und Paul Massé glücklich. Sie sind jung, gesund und erfolgreich und wohnen mit ihren zwei kleinen Kindern in einer schönen Altbauwohnung im 10. Pariser Arrondissement. In letzter Zeit fühlt Myriam sich jedoch unausgefüllt als Hausfrau und Mutter. Als sie die Chance bekommt, wieder als Anwältin zu arbeiten, braucht sie nur noch schnell eine Kinderfrau. Natürlich nicht irgendeine, viele Bewerberinnen fallen beim Vorstellungsgespräch durch.

Bei Louise hatte Myriam jedoch von Anfang an das Gefühl, sie hätte den Haushalt und vor allem die widerspenstige Mila im Griff. Bald können Myriam und Paul sich ein Leben ohne Louise nicht mehr vorstellen; die gegenseitige Abhängigkeit wächst, Machtspiele und Unterwerfungsgesten, Missverständnisse und Frustrationen vergiften ihr Verhältnis. Gleichzeitig eröffnet Louise dem Paar ungeahnte Freiheiten, sie können ohne allzu schlechtes Gewissen bis spät abends arbeiten, ausgehen oder Gäste empfangen.

Louise sei Teil ihrer Familie, sagen sie gerne, aber wenn sie sie nicht brauchen, sitzt die Nanny einsam in ihrer Vorstadt-Wohnung, denkt an ihr durch Slimani nur schlaglichtartig beleuchtetes Leben vor den Massés oder beobachtet Fremde auf der Straße mit eigentümlicher Intensität. Auf dem Weg durch die Haushalte hat sie ihre Fähigkeit zu lieben verloren. Wiederkehrende Gewaltfantasien versucht sie zu verdrängen.

Auch wenn der Leser mehr über Louises seelische Qualen und ihren Umgang mit den Kindern weiß als Myriam und Paul - Slimani ergreift nicht Partei. Ihre Protagonistinnen Louise und Myriam sind beide vielschichtige Charaktere, gefangen in ihrer Geschichte als Frauen ihrer Milieus und berufstätige Mütter. Sie können wenig mit ihren eigenen Kindern anfangen; beide gehen vielmehr in ihrer Arbeit auf. Doch auch in Frankreich ist Kindererziehung nach wie vor Frauensache, Paul sieht sich kaum in der Verantwortung.

Isolation

Interessant ist, dass Louise keine typisches Pariser Nounou ist. Die weiße Französin, so klein und zart wie eine Puppe, kann nichts mit ihren afrikanischen und asiatischen Kolleginnen anfangen, die sie täglich auf dem Spielplatz trifft. Von den Massés abgesehen, sind die Marrokkanerinnen und Filipinas Louises einzige Sozialkontakte. Sie finden "die weiße Französin" jedoch arrogant, zu perfektionistisch und wenig umgänglich. Irgendwann geht Louise nicht mehr in den Park, sitzt den ganzen Tag vorm Fernseher und überlässt die Kinder sich selbst.

"Tage tiefster Niedergeschlagenheit folgen auf die Euphorie. Die Welt scheint zu schrumpfen, sich zusammenzuziehen, mit einem erdrückenden Gewicht auf ihrem Körper zu lasten. Paul und Myriam verbannen sie hinter Türen, die sie am liebsten einschlagen würde. Sie hat nur einen Wunsch: Teil ihres Lebens zu sein, ihren Platz zu finden, sich dort einzunisten, eine Nische zu graben, einen Bau, ein warmes Eckchen. Manchmal fühlt sie sich bereit, ihr Stück Land einzufordern, dann wieder verlässt sie alle Energie, Kummer erfasst sie, und sie schämt sich, auch nur an irgendetwas geglaubt zu haben."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-12 15:50:12
Letzte Änderung am 2018-01-12 16:14:28


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