• vom 27.01.2018, 10:00 Uhr

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Erste Liebe im sterbenden Wald




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Von Irene Prugger

  • Kirstin Breitenfellners Roman "Bevor die Welt unterging".



Heraus aus der behüteten Kindheit und als aufgeweckter Teenager hinein ins pralle Leben? So einfach ist das heute nicht - und war es auch früher nie. Kirstin Breitenfellners Protagonistin Judith wird in den 1980er Jahren erwachsen: in der hessischen Gemeinde Biblis und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zum zweitertragreichsten Kernkraftwerk der BRD. Mithin symbolisiert bereits der Ort die aufreibende Ambivalenz, mit der die Jugendlichen in dieser turbulenten Phase ihres Lebens zurechtkommen müssen. Denn die atomare Bedrohung durch Kernkraftwerke und durch das Kräftemessen der Supermächte im Kalten Krieg ist in den "bleiernen" 1980ern nicht der einzige Spielverderber hoffnungsvoller Zukunftsaussichten.

Information

Kirstin Breitenfellner
Bevor die Welt unterging

Roman. Picus, Wien, 2017, 230 Seiten, 22,-Euro.

Während die jungen Leute hineinwachsen ins Leben, stirbt ringsum der Wald. Und nicht nur er. Die vorab noch zaghaften Experimente mit der freien Liebe werden von einer neuen Krankheit namens AIDS überschattet. Es gibt Hunger auf der Welt, und der Klimawandel wird bald dem letzten Grün den Garaus gemacht haben. Die Aussichten sind düster und die Beschwörung von Katas-trophenszenarien wird durch den chaotischen Gefühlshaushalt der Heranwachsenden noch verstärkt.

Vor diesem Hintergrund spielen sich die persönlichen Dramen ab: die Ablösung von den Eltern, erste Liebe, erster Betrug, erste Enttäuschung. Doch zwischendurch gibt es immer auch Phasen, die es erlauben, mit der Clique unbeschwerten Spaß zu haben.

Und dann - fast hat man schon aufgeatmet und sich wieder auf das Leben besonnen, passiert in Tschernobyl der Supergau, Giftwolken treiben über den Himmel und man darf sich nicht einmal mehr ins Gras setzen. "Wenn alle bald starben und nichts mehr zu essen hatten, verkrebsten und verhungerten, vielleicht erstickten, wie Judith mit zitternder Schrift schrieb, denn der Zug wackelte, als ob er gleich aus den Schienen kippen würde, welche Konsequenzen sollte sie daraus ziehen?"

Die Elterngeneration hat weder die richtigen Antworten noch Lösungen parat. Aber Erwachsenwerden heißt ja unter anderem, zu akzeptieren, dass es die heile Welt mit optimalen Lösungen nicht gibt, ohne deshalb die kritische Betrachtungsweise und den Mut zu verlieren. Diese Entwicklung ihrer Protagonistin deutlich zu machen, gelingt der Wiener Autorin Kirstin Breitenfellner bestens. Ihr gut recherchierter, stellenweise fast protokollartiger und mit Tagebuchaufzeichnungen unterlegter Roman spiegelt die Seelen- und Erfahrungswelt einer Generation, die in ihren frühen Erwachsenenjahren doch noch einen hoffnungsvollen Aufbruch erleben darf: Der Mauerfall wirkt wie eine Erlösung, und eine Zeit lang kann man sich den Luxus leisten, über Freiheit zu reflektieren, bevor wieder die Sicherheit das alles beherrschende Thema sein wird.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-25 17:02:04
Letzte Änderung am 2018-01-25 17:12:57


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