• vom 04.02.2018, 16:00 Uhr

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Weltpanorama im Privatmaß




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Von Otto A. Böhmer

  • Der US-amerikanische Schriftsteller Anthony Doerr lotet in seinen neuen Stories die Kraft und Relativität unserer Erinnerungen aus.

Realistisch und poetisch zugleich: Anthony Doerr. - © Sophie Bassouls/Leemage/imago

Realistisch und poetisch zugleich: Anthony Doerr. © Sophie Bassouls/Leemage/imago





Die Bücher des amerikanischen Autors Anthony Doerr (Jg. 1973) sind von uns an dieser Stelle schon öfter gelobt worden, und zwar durchaus ungeniert. Doerr ist ein ungewöhnlicher Schriftsteller; er schreibt realistisch und poetisch zugleich, wobei die Poesie auch dann überwiegt, wenn die Realität sich so abweisend zeigt, dass man den Beschreibungsdienst auf der Stelle quittieren möchte. Bemerkenswert ist zudem, dass Doerr, der mit Frau und zwei Söhnen in Boise (Idaho) lebt und auf Zurückgezogenheit Wert legt, die kleinere Erzählform ("Memory Wall") ebenso beherrscht wie den groß angelegten Roman ("Alles Licht, das wir nicht sehen oder Winklers Traum vom Wasser").

Information

Anthony Doerr
Die Tiefe
Stories. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. C. H. Beck, München 2017, 267 Seiten, 22,70 Euro.

Wer sich vom Können dieses Autors überzeugen und dabei keine allzulangen Textstrecken in Kauf nehmen möchte, der sei auf Doerrs Buch "Die Tiefe" verwiesen, das 2017 auf Deutsch erschienen ist. Es enthält, übertragen wiederum von Werner Löcher-Lawrence, der sich in den unverwechselbaren Tonfall seines Autors meisterlich eingehaust hat, sechs Stories, die auf überschaubarem Raum ein Weltpanorama entfalten, in dem die Zeit auf jenes zerbrechliche Privatmaß zusammenschnurrt, wie es nur noch in unseren Erinnerungen vorstellig wird, denen allerdings, wir wissen es längst, nie ganz zu trauen ist.

Feine Recherchen

Die Geschichten, die Doerr erzählt, der von Idaho aus so feingesponnene Recherchen betreibt, als sei er an jedem der weitgehend fremden Orte, die vorgestellt werden, von Anfang an mit dabei gewesen, spielen auf drei Kontinenten: "Die Memel" berichtet von der fünfzehnjährigen Allison, deren Eltern an Krebs sterben, worauf sie zu ihrem Opa nach Litauen geschickt wird. Dort passt sie sich an, so gut es geht. Allison ist bemerkenswert tapfer, aber den Schmerz, dem sie mit einer Wutrede begegnet, die weit über ihr Alter hinausreicht, wird sie nicht los: "Sag mir nicht, wie ich trauern soll. Sag mir nicht, dass Geister am Ende allmählich verschwinden (. . .). Viele Dinge verblassen, aber Geister wie diese nicht (. . .). Die Axt ist immer noch so scharf und so real in mir wie vor sechs Monaten."

Auf der Memel, jenem trägen, großen Fluss, den sie zuvor allenfalls vom Hörensagen kannte, versucht Allison, zusammen mit einer frühzeitig verstummten Nachbarin ihres Opas, die dabei, wenn auch nur auf Widerruf, ins verbliebene Leben zurückfindet, einen uralten, legendenumwobenen Stör zu umfangen. Sie hat Erfolg, für einen langgezogenen, unheimlich innigen Moment, der sich aber nicht halten lässt, wenngleich er nicht vergessen wird und irgendwann, zu gegebener Zeit, neue und ungeahnte Strahlkraft gewinnt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-01 16:38:16
Letzte Änderung am 2018-02-01 16:50:28


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