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Der befreite Geschichtenerzähler




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Von Gerald Schmickl

  • Der US-Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin D. Yalom hat seine Lebenserinnerungen geschrieben - offenherzig, sympathisch, mitunter aber auch langatmig.





Weltberühmt geworden ist er vor allem mit seinen Romanen und Erzählungen, wie etwa "Die rote Couch" oder "Die Liebe und ihr Henker". Der absolute Bestseller gelang Irvin D. Yalom allerdings mit einem Lehrbuch: "Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie" brachte es, in mehreren revidierten Auflagen, bisher auf über eine Million verkaufte Exemplare - und gab dem US-amerikanischen Psychoanalytiker und Autor jene finanzielle Sicherheit, die ihm bis heute literarische Ausflüge über sein eigentliches Fachgebiet hinaus ermöglicht.

Nunmehr, im Alter von 86 Jahren, hat Yalom seine Lebenserinnerungen veröffentlicht. In dem - im Titel auf Nietzsche verweisenden - Buch "Wie man wird, was man ist" erzählt er von seiner Kindheit, die er als wenig glücklich in Erinnerung hat, auch wenn er sich dessen gar nicht mehr so sicher ist: "Mein Gedächtnis ist unzuverlässig, und es gibt nur noch so wenige bleibende Zeugen meiner frühen Kindheit."

Information

Irvin D. Yalom
Wie man wird, was man ist

Memoiren eines Psychotherapeuten. Aus dem Amerikanischen von Barbara v. Bechtolsheim. Verlag btb, München 2017, 444 Seiten, 25,70 Euro.

Jammertal

Er, der als späterer Psychotherapeut stets bemüht war, Familien zusammenzuführen und Brüche zwischen Eltern und Kindern zu kitten, leidet selbst bis heute unter Unaufgelöstem: "So viel zwischen meinen Eltern und mir ist unvollständig. So viele Dinge unseres gemeinsamen Lebens wurden nie erörtert, die Spannung und das Unglück in unserer Familie, meine Welt und ihre Welt."

Gerade am Ende seiner Laufbahn - und wohl auch seines Lebens - wird Yalom mancherlei schmerzlich bewusst, das offen geblieben ist: "Ich hatte ein Leben lang meine Vergangenheit erforscht, analysiert und rekonstruiert, aber ich merke jetzt, was für ein Jammertal noch in mir ist, das ich wohl nie werde bewältigen können."

Dabei ist Yaloms Leben alles andere als glücklos verlaufen: Er wurde einer der anerkanntesten Psychotherapeuten der USA (und darüber hinaus), ein international erfolgreicher Schriftsteller, er ist seit vielen Jahrzehnten glücklich verheiratet, hat liebevolle Kinder und Enkel. Und er hat "in einem privilegierten Teil der Welt mit idealem Wetter gelebt, mit herrlichen Parks, wenig Armut und Kriminalität und mit Stanford, einer der besten Universitäten der Welt". Auch etwas wert.

Angeregt vom Werk "Existence" des Therapeuten (und späteren Freundes) Rollo May, ist Yalom selbst zu einem Hauptvertreter der sogenannten "Existenziellen Therapie" geworden, einer Art Drittem Weg zwischen Psychoanalyse und biologischen Verhaltensmodellen. Dabei wollte er keineswegs eine neue Schule oder Richtung begründen, als er entdeckte, dass "viele der Probleme, mit denen meine Patienten kämpften - Altern, Verlust, Tod, Lebensentscheidungen wie Wahl des Berufs oder des Ehepartners - von Romanautoren und Philosophen angemessener angesprochen wurden als von Kollegen meines eigenen Gebiets".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-01 16:38:24
Letzte Änderung am 2018-02-01 16:58:46


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