• vom 11.02.2018, 19:50 Uhr

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Das Glück ist gewöhnlich und diskret




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Von Andreas Wirthensohn

  • Velibor Čolić’ autobiographischer Roman "Die Welt ist ein großer Flipper".



"Um nach einem Krieg zu schreiben, muss man an die Literatur glauben. Glauben, dass das Schreiben Mechanismen wieder in Gang setzen kann, die man beim Griff zu den Waffen außer Kraft gesetzt hatte." Velibor Čolić glaubt an die Literatur. Aber um weiter an ihre Kraft glauben zu können, musste er, so scheint es, die Sprache, in der er schreibt, wechseln. Er, der 1964 in einer bosnischen Kleinstadt geboren wurde, geriet als junger Autor mitten hinein in die Schrecken des jugoslawischen Zerfallskriegs und musste selbst als Soldat mitkämpfen. Dann floh er nach Frankreich und beantragte dort Asyl. Drei Wörter Französisch hatte er im Gepäck, als er, 28-jährig, im bretonischen Rennes eintraf: Jean, Paul und Sartre. Kein Wunder, dass seine Französischlehrerin an einen Verschreiber glaubte, als Čolić als "Ihr Ziel in Frankreich" angab: Prix Goncourt.

"Na dann viel Glück, seufzt sie. Aber erst mal sind Sie im Französischen ein absoluter Analphabet."

Information

Velibor Čolić
Die Welt ist ein großer Flipper

Roman. Übersetzt von Claudia Steinitz. Tempo, Hamburg 2017, 208 Seiten, 20,60 Euro.

Inzwischen hat Čolić mehrere Romane auf Französisch verfasst. "Die Welt ist ein großer Flipper" soll ihn auch im deutschsprachigen Raum bekannt machen. Der Originaltitel vermittelt allerdings besser, worum es in dem autobiographischen Bericht geht: "Handbuch des Exils. 33 Lektionen für ein gelingendes Exil" lautet er in etwa. Čolić erzählt darin auf melancholisch-sarkastische Weise von seinem Versuch, sich als Mensch und als Schriftsteller wieder oder neu zu finden. Die Welt der Heimatlosigkeit ist in der Tat wie ein großer Flipper, und der Mensch ist die Kugel, die wild mal hierhin, mal dorthin katapultiert wird.

Der schönste Satz dieses bemerkenswerten Buches stammt von einem Auschwitz-Überlebenden, den Čolić in Ungarn trifft. "Bevor Sie aufbrechen, das Glück zu suchen, sagt er zu mir, versichern Sie sich, ob Sie nicht vielleicht schon glücklich sind. Das Glück ist klein, gewöhnlich und diskret, viele können es nicht sehen."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 15:32:26
Letzte nderung am 2018-02-09 17:08:53



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