• vom 13.02.2018, 06:30 Uhr

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Desorientierung in der Eiswüste




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Von Bernadette Conrad

  • Anne von Canals Roman "Whiteout".



Eine wissenschaftliche Expedition in der Antarktis. Das Team, eine Handvoll junger Leute, ist auf sich gestellt. Hanna ist die Chefin. Doch in diese Situation, in der sie alle ihre Kräfte braucht, platzt eine Email-Nachricht herein, die Hanna hinauswirft aus dem Jetzt, zurück in ihre Jugend: in jene Zeiten, als ihr Bruder Jan und sie eine verschworene Gemeinschaft mit Fido bildeten, der streng kontrollierten, rebellischen Pfarrerstochter aus dem Dorf.

Information

Anne von Canal
Whiteout

Roman. Mare Verlag, Hamburg 2017, 186 Seiten, 20,60 Euro.

Damals hatten sie alle drei den Plan gehabt, Polarforscher zu werden und die Dreisamkeit ihres Lieblingsspiels (Scott und Amundsen bei ihrem Wettlauf zum Südpol) in eine abenteuerliche Berufswirklichkeit hinein zu verlängern. Hanna, aus deren Sicht erzählt wird, erinnert sich: Sie und Jan hatten stets darum gekämpft, wer Amundsen spielen durfte. Als Fido dazukam, löste sich der Streit der Geschwister auf: "Dann bin ich eben Scott, sagtest du. (. . .) Deine Gelassenheit verunsicherte mich. Aber sie war nicht gespielt, es machte dir wirklich nichts aus. Mehr noch: Im Licht deiner Gleichmut erschienen plötzlich die unpopulärsten Dinge interessant (. . .)."

Begann damals eine Liebesgeschichte, oder vielmehr zwei? Etwa gar eine Dreiecksgeschichte? Wer der drei Jugendlichen sich mit wem wie verbunden hatte, bleibt unklar. Dass Hanna Fido liebte und fest mit einer Zukunft ihrer Freundschaft gerechnet hatte, daran besteht kein Zweifel. Dann aber war die Pfarrerstochter plötzlich verschwunden gewesen. In eine andere Ausbildung abgereist, und keiner hatte mehr nach dem Anderen gesucht. Und nun plötzlich die Nachricht: Scott ist tot. Für Hanna beginnen sich Gegenwart und Vergangenheit zu verschränken. Ihrer Aufgabe als Teamleiterin scheint sie kaum mehr gewachsen.

Anne von Canals vielschichtiger Roman "Whiteout" hat einen spannenden Plot zu bieten, doch das Anliegen der Autorin verschwimmt zunehmend. Wollte sie eine Abenteuergeschichte erzählen? Oder die Geschichte einer Freundschaft? Oder doch eher das psychologische Drama einer ins Jetzt einbrechenden Vergangenheit? Kein Faden ist wirklich zu Ende gesponnen, und so bleibt dieser schön erzählte Roman - der möglicherweise zuviel zugleich wollte - in einer merkwürdigen Formlosigkeit stecken.

Anmerkung: "Whiteout" bezeichnet eine ex-treme Kontrastverringerung zwischen Schneelandschaft und Himmel. Der Horizont verschwindet in der monochromen Helligkeit, was zu Desorientierung führt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 15:38:19
Letzte Änderung am 2018-02-09 17:07:26


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