• vom 25.02.2018, 17:00 Uhr

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Der blinde Geiger




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Von Anton Holzer

  • Eine epochale Publikation aus Bratislava begibt sich auf die Suche nach der "europäischen" Fotografie - und legt Wahrnehmungsmuster des Westens dar.



André Kertesz: "Der Wandergeiger", Ungarn 1921.

André Kertesz: "Der Wandergeiger", Ungarn 1921.© Aus dem Band "The History of European Photography" André Kertesz: "Der Wandergeiger", Ungarn 1921.© Aus dem Band "The History of European Photography"

Das Foto, so berichtet der polnische Autor Andrzej Stasiuk in seinem Buch "Unterwegs nach Babadag", habe ihn, als er es zum ersten Mal sah, sehr berührt. Ja mehr noch, es habe ihn auf all seinen Reisen am Balkan begleitet. "Der Raum dieses Fotos hypnotisiert mich, und all meine Reisen dienen nur dem Zweck, irgendwann den versteckten Zugang zu seinem Innern zu finden."

Die Aufnahme entstand am 19. Juni 1921 in einem kleinen Ort namens Abony, unweit der Stadt Szolnok, in der ungarischen Tiefebene. Der Fotograf André Kertesz war, als er die Szene festhielt, 27 Jahre alt und als Fotograf noch gänzlich unbekannt. Vier Jahre später verließ er Ungarn, er ging nach Paris, später nach New York. Er wurde bekannt und auch das Foto wurde bekannt. Heute gehört diese Aufnahme zu seinen berühmtesten Bildern.

Stasiuk betrachtet das Bild sehr genau: "Ein blinder Geiger geht über die Straße und spielt. Er wird von einem etwa zehnjährigen barfüßigen Jungen mit Schirmmütze begleitet. Der Musiker trägt ausgetretene Schuhe. Sein linker Fuß tritt gerade auf die schmale Spur, die ein Wagen mit Eisenrädern hinterlassen hat. Die Straße hat keinen festen Belag. Sie ist trocken."

Projektionen, Klischees

Stasiuk taucht noch weiter in das Bild ein und registriert noch weitere Details: "Die Füße des Jungen sind nicht schmutzig, die Spur der schmalen Räder ist flach und zeichnet sich kaum ab. Sie biegt sanft nach links und verschwindet im etwas weniger scharfen Hintergrund des Bildes. An der Straße entlang verläuft ein Bretterzaun, man sieht den Teil eines Hauses: in den Fenstern spiegelt sich der Himmel. Ein Stück weiter eine weiße Kapelle. Hinter dem Zaun Bäume. Der Musiker hat die Augen nach innen gedreht. Er geht und spielt für sich und den unsichtbaren Raum, der ihn umgibt. Außer den beiden ist nur noch ein kleines Kind auf der Straße. Es steht ihnen zugewandt, schaut aber in die Ferne. Der Tag ist bewölkt, weder Dinge noch Gestalten werfen Schatten. Der Geiger hat am linken Arm einen Stock hängen und sein Begleiter trägt etwas, das nach einer kleinen Decke aussieht. Vom Bildrand trennen sie nur ein paar Schritte. Gleich werden sie verschwunden, die Musik verstummt sein. Auf der Fotografie bleiben nur der Kleine, die Straße und die Wagenspur zurück."

Information

Václav Macek (Hrsg.): The History of European Photography. Bratislava 2010-2017, Band 1: 1900-1938, Band 2: 1939-1969, Band 3: 1970- 2000.

Anton Holzer, Fotohistoriker, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte". Vor kurzem erschien sein Band "Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19" (Theiss Verlag). www.anton-holzer.at

Andrzej Stasiuk ist nicht der Erste, der diesem Bild verfallen ist. 25 Jahre zuvor hatte sich Roland Barthes in seinem Buch "Die helle Kammer" demselben Foto mit einer ähnlichen Faszination genähert. Bei Barthes trägt die Aufnahme den Titel "Die Ballade des Geigers Abony". Aus dem Ortsnamen ist nun (zumindest in der deutschsprachigen Ausgabe) seltsamerweise ein Personenname geworden (ein Übersetzungsfehler?), aus dem "Wandergeiger" die "Ballade eines Geigers". Und noch eine Verschiebung fällt auf: der Geiger ist bei Barthes ein "Zigeuner".




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-23 12:38:30
Letzte Änderung am 2018-02-23 13:25:30


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