• vom 02.03.2018, 19:00 Uhr

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Das Netz der Spinnerin




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Von Edwin Baumgartner

  • Christian Hoffmanns Krimi "Bei der Spinnerin am Kreuz" lässt sich auf mehreren Ebenen lesen.



Gute Krimis lassen sich auf mehreren Ebenen lesen: Auf der des Kriminalfalls an sich und auf mindestens einer weiteren, nämlich der, für die der Kriminalfall eigentlich nur der Leser-Köder ist. Wer z.B. würde sich für das englische Wechselläuten interessieren, wäre es nicht der Hintergrund für Dorothy Sayers’ "Der Glocken Schlag"? Und Agatha Christie schreibt im Grunde Gesellschaftsromane, das Ergebnis ist sozusagen Galsworthy mit Mord.

Die Flut an Thrillern, die in der Regel wenig mehr sind als "küchenpsychologisch ausgeschmückte Leichenpornos", wie der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck das Genre bezeichnet, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Krimi in Einzelfällen wirklich Unterhaltungsliteratur auf höherem Niveau ist.

Information

Christian Hoffmann
Bei der Spinnerin am Kreuz
Eine Wiener Kriminalgeschichte. KLAK Verlag, Berlin 2018, 346 Seiten, 17,40 Euro.

Solch ein Krimi ist Christian Hoffmann mit "Bei der Spinnerin am Kreuz gelungen". Hoffmann hat in Philosophie promoviert und arbeitet als Redakteur bei der "Wiener Zeitung". "Bei der Spinnerin am Kreuz" ist der erste Teil einer geplanten Serie Wiener Kriminalgeschichten.

Das lässt zusammenzucken, denn nicht nur die Thriller nehmen überhand, sondern auch die Regionalkrimis, die, bei eher schematisierten Handlungen, sich vor allem darin unterscheiden, ob nun der Huber-Bauer den Mord mit einer Mistgabel oder Fischers Fritz den seinen mit einer Harpune begangen hat. Doch schon nach wenigen Kapiteln von Hoffmanns Krimi kann man aufatmen: Er spielt in Wien und ist mit deutlicher Ortskenntnis geschrieben, leichenverbrämter Heimatroman jedoch ist er keiner.

Schon das erste Kapitel zeigt fast beiläufig, worum es Hoffmann geht: nämlich um den Aufbau von Situationen, aus denen dann etwas ganz Anderes wird. Da hat Oana, Animierdame eines Sexlokals, einen Freier, der es offenbar gern etwas härter hat und sie unbedingt Ina nennen will. Am Ende des Kapitels liegt er heulend auf dem Boden und stammelt, Ina habe ihn vernichtet. Oana beschleicht das Gefühl, dieser Mann könnte jemanden töten.

In der Folge führt Hoffmann sehr schnell sein Personeninventar ein (am besten, man macht sich ein Lesezeichen mit Namensregister): Die Journalistin Sigrid Flossberger recherchiert im Fall von Puppen, die ein unbekannter Täter in Brand steckt, und schnüffelt obendrein ihrem Kollegen, dem Kriminalreporter Paul Fitzner nach, der eben wieder eine Beziehung mit seiner Ex-Geliebten Ina ("oha", denkt der Leser) angefangen hat. Für eine Recherche bewegt sich Fitzner auf mehr oder minder intensiv glitzernden Ebenen der Arrivierten von Wien, die Sklaventreiber und Spießer in einer Person sind.

Als roter Faden ziehen sich die gotische Steinfigur der Spinnerin am Kreuz und die ihr zugeschriebene Sage durch die Erzählung - und fast scheint es, als würde diese Spinnerin aus dem roten Faden ganz allmählich ein Netz knüpfen, in dem all die scheinbar unabhängigen Motive miteinander verbunden sind. Dann gibt es eine Leiche - und die Fassade des Touristenmuseums Wien zerbröckelt und gibt den Blick auf einen Großstadt-Moloch frei, in dem der Tango schon längst ein Tanz auf dem Vulkan ist.

Christian Hoffmanns Wien-Krimi-Debüt ist glänzend geschrieben, schafft Atmosphäre und hat lebendige Dialoge, in denen die Gestalten zu individuellen Personen werden. Im Krimi-Segment des Buchmarkts eine echte Bereicherung!





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-02 13:53:36
Letzte Änderung am 2018-03-02 13:55:59


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