• vom 11.03.2018, 08:00 Uhr

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Im Sperrgebiet




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Von Jeannette Villachica

  • Zwischen Realität und Traum: Isabel Fargo Coles DDR-Roman "Die grüne Grenze".



Thomas ist oft schwindelig. (Tag-) Träumend sieht er sich im Zug, vor sich die russische Weite; im Heim nannten sie ihn "Russenkind". Immer wieder taucht vor seinem inneren Auge auch ein kleines Mädchen auf - und Lena. Und Berlin, ach, er vermisst die Freiheit dort!

Information

Isabel Fargo Cole
Die grüne Grenze
Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2017, 490 Seiten, 26,- Euro.

"Die Grüne Grenze" wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 nominiert.

Die Künstlerfreunde waren außer sich, als sie hörten, dass er und Editha in diesem Winter 1973 nach Sorge im Harz ziehen würden: an die innerdeutsche Grenze, ins Sperrgebiet. Ihrer Tochter zuliebe, die dort zur Welt kommen soll, hat er sich bereit erklärt, "an den Arsch der Welt" zu ziehen. In einem baufälligen Haus von Edithas Familie haben sie Platz, sogar für ein Atelier - Editha ist Bildhauerin -, und er kann neben der Arbeit in der örtlichen Bibliothek an seinem historischen Roman über das Grenzgebiet arbeiten. Beäugt von einheimischen "Hundertprozentigen" renoviert er in jeder freien Minute das Haus, kümmert sich um die kleine Eli und taucht mit ihr in andere Welten ab. Eli stromert durch den Wald, scheinbar frei, und ihr Vater bringt ihr bei, was sie sagen und was sie in dieser Welt lieber verschweigen soll. Kurz vor der Wende holt die Familie jedoch die Vergangenheit ein - und Eli verschwindet.

Es ist eine beklemmende und doch hoffnungsvolle Atmosphäre voller verschwommener Erinnerungen, dunkler Geheimnisse, Mythen und Legenden, herber Naturschönheiten und poetischer Details, die die US-Amerikanerin Isabel Fargo Cole in ihrem DDR-Roman "Die grüne Grenze" erschafft.

Fargo Cole lebt seit 1995 in Berlin, hat DDR-Autoren ins Englische übersetzt, 2013 eine Novelle veröffentlicht und schreibt auf Deutsch. Man muss sich auf die raue Schönheit ihrer Sprache einlassen. Diese wirkt anfangs etwas sperrig, dann merkt man, wie gut sie zu der abgeschiedenen Region in ihrem Roman, zu Unfreiheit und realer Bedrohung am Todesstreifen, Desorientierung und psychischer Bedrängnis der Protagonisten, insbesondere Thomas’ und später Elis, passt. Fragen wie jene nach ethnischer und familiärer Zugehörigkeit, Künstlertum und Elternschaft führt die Autorin wie nebenbei ein. Eine kluge Struktur und ein gutes Maß an Rückblenden und Perspektivwechseln sorgen dafür, dass dieser faszinierende Roman von Anfang bis Ende die Aufmerksamkeit des Lesers bindet. Ein durchwegs gelungenes Debüt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-08 15:50:44
Letzte Änderung am 2018-03-08 16:02:03


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